Unter Uns
Unter uns
Deutschland, 2023. Eine Gruppe aus Studenten und Dozenten trifft sich in einem abgelegenen Nebengebäude der Hochschule. Nach einem prüfenden Blick in die Runde sagt ein Dozent: „Wir sind unter uns.“ Die Gruppe zögert, wirft beinahe reflexhaft Blicke über die Schultern. Der Dozent lächelt: „Wir können also frei sprechen.“
Im Gegensatz dazu handelte Elfriede Scholz unvorsichtig. Als Schneidermeisterin zweifelte sie offen am Krieg und sah in den Soldaten nur Opfer – Schlachtvieh einer untergehenden Ideologie. Kunden denunzierten sie. Am 16. Dezember 1943 fällte Roland Freisler, Präsident des Volksgerichtshofs, das Todesurteil – ein Racheakt an der Schwester des emigrierten Erich Maria Remarque. In Berlin-Plötzensee wurde sie enthauptet, ihr Körper der Forschung überlassen.
Kritik kann lebensgefährlich sein.
Die katholischen Geistlichen Johannes Schulz und Josef Zilliken verweigerten den „deutschen Gruß“ und wurden daraufhin auf persönliche Veranlassung Hermann Görings zur Lagerhaft verurteilt. Dort mussten sie täglich einem eigens aufgestellten Gesslerhut den verhassten Gruß erweisen – eine groteske Farce der Unterwerfung. Beide überlebten die unmenschlichen Bedingungen der Lager nicht.
Der Unangepasste ist bereits Feind genug.
Wer sich ideologischen Utopien nicht sichtbar unterwirft, lebt gefährlich. Konformität war Pflicht, Kritik tabu.
Ich wuchs in den 1980er Jahren tief im Westen der Bundesrepublik Deutschland auf – in einer Bonner Republik, die sich noch als Schaufenster des freien Westens verstand. Als Teenager schien ein Rückfall in totalitäre Strukturen der deutschen Vergangenheit ebenso unvorstellbar wie unwahrscheinlich.
Heute finde ich mich in einer Berliner Republik wieder, die Freiheiten mit beunruhigender Leichtigkeit abbaut. Früher dienten Bolschewismus oder Imperialismus als Bedrohungsszenarien. Heute sind es Klimawandel, Pandemien, Außen- oder innenpolitische Spannungen – mit dem Ergebnis, dass bürgerliche Freiheiten beschnitten und liberale Selbstverständlichkeiten genommen werden.
Das Gefühl, konspirativ über die Schulter zu blicken, bevor man offen spricht, erinnert an eine Vergangenheit, die ich lange als abgeschlossen und in Deutschland nicht mehr möglich betrachtete. Ich habe diese Entwicklung nie für wahrscheinlich gehalten. Diese neue Vorsicht in der öffentlichen Diskussion – das Abwägen jedes Wortes aus Angst vor Missverständnissen oder negativen Konsequenzen – steht im krassen Widerspruch zu der Offenheit und Freiheit, die meine Jugend prägte.
Daher porträtiere ich fotografisch jene, die allzu leicht als „umstritten“ etikettiert und gecancelt werden. Es sind Autoren, Publizisten, Künstler, Wissenschaftler und andere, die sich dem vorherrschenden Strom nicht fügen wollen. Zu den bisher Porträtierten gehören unter anderem Joachim Steinhöfel, Henryk M. Broder, Vince Ebert, Stefan Homburg und viele andere.
Ihre Gesichter, ihre Umfelder, ihre Körperhaltung erzählen von Widerstand und Einsamkeit, von Mut und Zweifel, von Verlust und Hoffnung. In einer Zeit, in der Konformität zur Tugend erklärt wird und Widerspruch als Gefahr gilt, sind diese Porträts ein stiller, aber entschiedener Einspruch.
Ergänzt werden sie durch Fotografien jener, deren Lebensleistung sich durch die Veränderungen um sie herum in Frage gestellt sieht, oder die sich in unpolitische Realitäten des Vereinslebens oder Sports zurückgezogen haben. Das Private als letzter verbliebener Freiraum.
Die Fotografie hält fest, was Worte oft nicht ausdrücken können: den Moment der Unbeugsamkeit – und vielleicht auch den Preis, den sie dafür zahlen.
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