Alles lügt. Aber schön. – Prompts aus der Dunklen Kammer.
Einst fürchteten Maler die Daguerreotypie, heute fürchten Fotografen Textzeilen. Das Bild hat seinen Status gewechselt: Es ist kein Beweis mehr, sondern eine statistische Plausibilität – und wird mit jedem Update überzeugender.
Dieser Blog ist ein Versuch, in diesem Übergang nicht die Orientierung zu verlieren. Kein Technik-Evangelium, kein kulturpessimistischer Rückzug. Ich habe mein ganzes Leben mit Fotografie zu tun – nicht als Fotograf – und sie trotzdem aus Gründen studiert. Das Analoge erscheint mir oft schlicht, das Synthetische komplex. Und manchmal genau umgekehrt.
Wer behauptet, den Kurs dieser Entwicklung zu kennen, verkauft meist Gewissheiten. Ich sammle hier eher Beobachtungen: steile Thesen, kleine Verschiebungen, gelegentlich ein Zitat. Es geht um Bildkultur im Zustand permanenter Neuberechnung – und um den Versuch, das Sehen nicht zu verlernen, während Maschinen längst gelernt haben, es zu simulieren.
Cherry 2000 vs. Terminator
Man sagt, Männer wollten stets nur das eine. Ein schnell gesetzter Vorwurf, der sich moralisch gut verwerten lässt – und evolutionsbiologisch vermutlich nicht völlig aus der Luft gegriffen ist. Fortpflanzung folgt keiner Feuilletonlogik. Doch was, wenn wir einander nicht mehr brauchen?
Die große Entwertung: Vom Polaroid-Trauma zum Cargo-Kult der KI
Das Wissen stirbt leise. Anhand des Scheiterns von Polaroid und dem aktuellen "Cargo-Kult" des KI-Promptings analysieren wir die schleichende Entwertung handwerklicher Expertise. Physikalische Begriffe wie "85mm" verkommen in der synthetischen Fotografie zu reinen "Vibe-Indikatoren" ohne technische Bedeutung. Doch die Disruption macht nicht beim Handwerk halt: Nach dem Fotografen steht nun auch der Art Director vor der Obsoleszenz – stellvertretend für jeden anderen nur denkbaren Beruf.
Das datierte Gesicht: Über die Maske als visuelle Narbe und algorithmischer Glitch
Warum trägt der Bandit aus dem 19. Jahrhundert plötzlich FFP2? Weil die KI kontextblind ist – und mit Milliarden Bildern unserer jüngsten Panik gefüttert wurde. Während wir versuchen, die Masken-Fotos aus unseren Portfolios zu löschen, hat die Maschine sie als Standard für "Menschsein" gelernt.
Die Grenzen des Vorstellbaren
Humanoide Roboter bewegen sich mit Eleganz, die unsere Vorstellungskraft herausfordert. Von Golem über Čapek bis zu den tanzenden Maschinen unserer Zeit – dieser Text untersucht, wie Bilder und Medien unser Bild vom Möglichen prägen.
Die vier Gesetze der Halluzination: Barthes vs. McLuhan
McLuhans Tetrade als Diagnose für Generative KI: Warum die 10.000-Stunden-Regel tot ist, Prompting Magie ist und Barthes’ Fototheorie im latenten Raum versagt.
Drei Jahre später
Vor etwas mehr als drei Jahren begann die Auseinandersetzung mit KI-generierten Texten, Bildern und Videos. Heute sind diese Systeme Teil realer Arbeitsprozesse, sie lernen selbst, entwickeln sich rasant weiter und verändern unsere Wahrnehmung von Realität, Geschichte und Erinnerung. Ein Rückblick auf die entscheidenden Etappen, die frühen Experimente und die disruptiven Sprünge der letzten Jahre.
Im finsteren Tal
„Früher war alles besser“ – sogar die Fotos, die es nie gab. Warum uns ein KI-generiertes Paar aus den 80ern mehr fasziniert als die echte, fettige Realität von damals. Über das Uncanny Valley als letzte Instanz unserer Wahrnehmung.
Das Medium ist das Massaker: McLuhan hatte recht.
Ein Druckfehler machte McLuhan zum Propheten. Sein Buchtitel kippte versehentlich von „Message“ zu „Massage“. Das passt perfekt zum Modus der KI: Sie liefert keine Inhalte, sie liefert eine Behandlung. Sie knetet unseren Geist weich, verwöhnt mit Bildern, die wunschgemäß und passgenau jede Reibung an der Realität ersetzen.
Die Resilienz des permanenten Zweifels
Liegt die Gefahr der KI wirklich in der Täuschung – in Deepfakes und Desinformation? Oder lenkt das nur ab? Die wahre Bedrohung ist nicht das Chaos, sondern die Ordnung: Eine eingehegte KI ist eine schizophrene KI.
Captain O’Keefe und die Acht-Nationen-Koalition: Peking 1900
Captain O’Keefe dokumentierte 1900 die Acht-Nationen-Koalition in Peking – nüchtern, militärisch und, trotz heutiger Fehlinterpretationen, ohne rassistische Intention. Ein historischer Moment globaler Machtverschiebung.
Orwell, Amelia und die Vergänglichkeit großer Mächte
Amelia ist mehr als eine entgleiste Kunstfigur. Sie markiert den Moment, in dem offene Gesellschaften beginnen, sich selbst zu misstrauen. Ein Blick auf Orwell, Großbritannien und den langsamen Verschleiß politischer Selbstgewissheit.
Yva und Helmut: Die Brüche der Avantgarde
Der Januar erzählt Fotogeschichte. Am 23. Januar starb Helmut Newton, am 26. Januar wurde Yva geboren. Vor 90 Jahren begann der junge Helmut Neustädter seine Lehre bei ihr.
Die Gamifizierung des Verrats: Amelia und die Asymmetrie der Bilder
Amelia - ein lilahaariges Goth-Mädchen, ein staatlich finanziertes Lernspiel und eine Öffentlichkeit, die beschließt, beides nicht ernst zu nehmen. Was wie ein Randphänomen digitaler Jugendkultur wirkt, ist in Wahrheit ein Lehrstück über Macht, Peinlichkeit und den Kontrollverlust moderner Staaten.
Der moderne Staat scheitert nicht an Extremisten.
Er scheitert an Ironie.
Lastwagen in Bergamo
Die Kolonne der Angst. Bergamo, März 2020. Ein Militärkonvoi rollt durch die Nacht. Doch was haben wir wirklich gesehen? Und was haben wir hineinprojiziert? Gerade in Krisenzeiten entwickeln Bilder eine Eigendynamik, die eine rationale Einordnung unmöglich macht – vielleicht sogar unmöglich machen soll. Es ist der Moment, in dem sich reale Bedrohung mit historischem und medialem Trauma überlagert.
Die Hysterie der Algorithmen: das Leinenhemd als Leichenhemd der Kreativität
Ein Mann im Leinenhemd. Frontal. 4K. Klingt harmlos? Für die KI ist das ein "Sicherheitsrisiko": Wenn die digitale Gouvernante das weiße Leinenhemd zum Leichenhemd der Kreativität macht. Wir gewöhnen uns an eine Welt der paranoiden "Safety by Design"-Zensur, in der selbst das Banalste verdächtig ist.
Pornografie ohne Körper: Die Sünde der Simulation
Wenn eine KI eine nackte Person generiert, hat sich niemand ausgezogen. Es gibt kein Opfer, keine Ausbeutung. Warum reagieren wir trotzdem mit Zensur und moralischer Panik? Ein Blick auf die "Sünde der Simulation".
Nude Britannia: Viktoria und die Silicon-Valley-Nonnen
1857 montierte Oscar Rejlander 32 Negative zu einem Skandalbild. Die Kritik? Nicht die Montage, sondern die nackte Haut. Fast 170 Jahre später macht die KI genau dasselbe – und unsere Reaktion ist identisch: Zensur und Angst vor dem "zu echten" Fleisch: Königin Victoria käme aus dem Lachen nicht mehr heraus.
Die Aufmerksamkeitsökonomie der Angst
Vom Hexensabbat zum KI-Golem. 1628 gestand Johannes Junius unter Folter den Ritt auf einem schwarzen Tier – nicht weil es wahr war, sondern weil es das virale Bild seiner Zeit war. Heute ersetzt der „Terminator“ den Teufel. Wir fürchten uns vor der KI als allmächtigem Golem, während die wahre Gefahr viel profaner ist.
Camera says no: Über die neue digitale Prüderie.
Der Erziehungsautomat. Aus dem wilden Kind Grok und der Gouvernante Google sind gleichermaßen Erziehungsautomaten geworden. Wenn der Algorithmus entscheidet, dass ein Bild gegen die „Safety Guidelines“ verstößt, erleben wir keine Sicherheit, sondern eine Infantilisierung des Sehens. Die Kamera hat jetzt eine moralische Auslösesperre – und wir sind die Kinder im digitalen Laufstall.
Das, was hätte sein können: Barthes und der Geist in der Maschine
Der Tod durch den Wäscherei-Lieferwagen. Roland Barthes hinterließ uns den Satz vom „Es-ist-so-gewesen“. Doch was passiert, wenn die synthetische Fotografie diesen Satz umschreibt? KI-Bilder sind keine Lügen, sondern die Summe aller möglichen Realitäten – das „Es-hätte-sein-können“.