Alles lügt. Aber schön. – Prompts aus der Dunkelkammer.
Mit der Fotografie ist das so eine Sache. Damals hatten Maler Angst vor der Daguerreotypie, heute haben Fotografen Angst vor Textzeilen. Wir leben in spannenden Zeiten: Das Bild ist nicht mehr Beweis, sondern eine statistische Wahrscheinlichkeit, die mit jedem Tag besser aussieht.
Dieser Blog ist der Versuch, in diesem Chaos nicht völlig den Verstand zu verlieren. Ich bin kein Tech-Guru, der jeden KI-Hype als Erleuchtung feiert, aber auch kein Amish, der Digitales für Teufelszeug hält. Ich habe mein ganzes Leben mit Fotografie zu tun – nicht als Fotograf – und habe es dennoch aus Gründen studiert. Ich halte das Analoge für einfach, das Synthetische für kompliziert – und umgekehrt.
Wer behauptet, genau zu wissen, wo die Reise hingeht, lügt oder verkauft Workshops. Ich sortiere hier nur meine Beobachtungen, steile Thesen und gelegentlich ein Zitat von Roland Barthes – auch damit wir uns vor Wäscherei-Lieferwagen in Acht nehmen. Es geht um den Spaß am Sehen, auch wenn die Maschine uns dabei immer öfter auf die Finger haut ("Camera says no").
Captain O’Keefe und die Acht-Nationen-Koalition: Peking 1900
Captain O’Keefe dokumentierte 1900 die Acht-Nationen-Koalition in Peking – nüchtern, militärisch und, trotz heutiger Fehlinterpretationen, ohne rassistische Intention. Ein historischer Moment globaler Machtverschiebung.
Orwell, Amelia und die Vergänglichkeit großer Mächte
Amelia ist mehr als eine entgleiste Kunstfigur. Sie markiert den Moment, in dem offene Gesellschaften beginnen, sich selbst zu misstrauen. Ein Blick auf Orwell, Großbritannien und den langsamen Verschleiß politischer Selbstgewissheit.
Yva und Helmut: Die Brüche der Avantgarde
Der Januar erzählt Fotogeschichte. Am 23. Januar starb Helmut Newton, am 26. Januar wurde Yva geboren. Vor 90 Jahren begann der junge Helmut Neustädter seine Lehre bei ihr.
Die Gamifizierung des Verrats: Amelia und die Asymmetrie der Bilder
Amelia - ein lilahaariges Goth-Mädchen, ein staatlich finanziertes Lernspiel und eine Öffentlichkeit, die beschließt, beides nicht ernst zu nehmen. Was wie ein Randphänomen digitaler Jugendkultur wirkt, ist in Wahrheit ein Lehrstück über Macht, Peinlichkeit und den Kontrollverlust moderner Staaten.
Der moderne Staat scheitert nicht an Extremisten.
Er scheitert an Ironie.
Lastwagen in Bergamo
Die Kolonne der Angst. Bergamo, März 2020. Ein Militärkonvoi rollt durch die Nacht. Doch was haben wir wirklich gesehen? Und was haben wir hineinprojiziert? Gerade in Krisenzeiten entwickeln Bilder eine Eigendynamik, die eine rationale Einordnung unmöglich macht – vielleicht sogar unmöglich machen soll. Es ist der Moment, in dem sich reale Bedrohung mit historischem und medialem Trauma überlagert.
Die Hysterie der Algorithmen: das Leinenhemd als Leichenhemd der Kreativität
Ein Mann im Leinenhemd. Frontal. 4K. Klingt harmlos? Für die KI ist das ein "Sicherheitsrisiko": Wenn die digitale Gouvernante das weiße Leinenhemd zum Leichenhemd der Kreativität macht. Wir gewöhnen uns an eine Welt der paranoiden "Safety by Design"-Zensur, in der selbst das Banalste verdächtig ist.
Pornografie ohne Körper: Die Sünde der Simulation
Wenn eine KI eine nackte Person generiert, hat sich niemand ausgezogen. Es gibt kein Opfer, keine Ausbeutung. Warum reagieren wir trotzdem mit Zensur und moralischer Panik? Ein Blick auf die "Sünde der Simulation".
Nude Britannia: Viktoria und die Silicon-Valley-Nonnen
1857 montierte Oscar Rejlander 32 Negative zu einem Skandalbild. Die Kritik? Nicht die Montage, sondern die nackte Haut. Fast 170 Jahre später macht die KI genau dasselbe – und unsere Reaktion ist identisch: Zensur und Angst vor dem "zu echten" Fleisch: Königin Victoria käme aus dem Lachen nicht mehr heraus.
Die Aufmerksamkeitsökonomie der Angst
Vom Hexensabbat zum KI-Golem. 1628 gestand Johannes Junius unter Folter den Ritt auf einem schwarzen Tier – nicht weil es wahr war, sondern weil es das virale Bild seiner Zeit war. Heute ersetzt der „Terminator“ den Teufel. Wir fürchten uns vor der KI als allmächtigem Golem, während die wahre Gefahr viel profaner ist.
Camera says no: Über die neue digitale Prüderie.
Der Erziehungsautomat. Aus dem wilden Kind Grok und der Gouvernante Google sind gleichermaßen Erziehungsautomaten geworden. Wenn der Algorithmus entscheidet, dass ein Bild gegen die „Safety Guidelines“ verstößt, erleben wir keine Sicherheit, sondern eine Infantilisierung des Sehens. Die Kamera hat jetzt eine moralische Auslösesperre – und wir sind die Kinder im digitalen Laufstall.
Das, was hätte sein können: Barthes und der Geist in der Maschine
Der Tod durch den Wäscherei-Lieferwagen. Roland Barthes hinterließ uns den Satz vom „Es-ist-so-gewesen“. Doch was passiert, wenn die synthetische Fotografie diesen Satz umschreibt? KI-Bilder sind keine Lügen, sondern die Summe aller möglichen Realitäten – das „Es-hätte-sein-können“.
Content Slop: Die industrielle Mast der Aufmerksamkeit
Die industrielle Mast der Aufmerksamkeit Haben Sie den „Shrimp Jesus“ gesehen? Willkommen im Zeitalter des „Slop“. Das Internet wird gerade mit minderwertigem, KI-generiertem Füllmaterial geflutet, vergleichbar mit Separatorenfleisch.
Das Bild ist tot? Nein. Es ist nur endlich frei.
Die Inflation des Sehens. Was wir als „Entwertung der Kunst“ beklagen, ist in Wahrheit ihr radikaler Preisverfall. Vom Ölgemälde für Könige zum KI-Prompt für jedermann: Die Geschichte des Bildes ist eine Geschichte der Demokratisierung. Die KI-Revolution ist dabei nur die Generalprobe für etwas viel Größeres – das Ende der menschlichen Arbeit als identitätsstiftendes Merkmal.
Rewrite statt rewind: Vom Pantoffelkino zum Prompt
Rewrite statt Rewind: Wenn die KI Regie führt und zensiert Das Kino stirbt nicht, es wird flüssig. Wir bewegen uns vom passiven Konsum zum aktiven „Rewrite“: Der Zuschauer wird zum Schöpfer seiner eigenen Blockbuster. Doch diese Freiheit hat einen Preis. Während wir unsere hyperpersonalen Welten prompten, schaut eine digitale Gouvernante über unsere Schulter – eine KI, die nicht nur assistiert, sondern als moralische Instanz bewertet, markiert und denunziert.
Newton im digitalen Laufstall
Digitale Lobotomie. Wo Helmut Newton und Terry Richardson die Provokation suchten, liefert die KI sterilen Hochglanz. Der Versuch, die Ästhetik der großen Erotomanen zu simulieren, endet in einer Dystopie der aggressiven Harmlosigkeit. Warum „Safety by Design“ das Ende der Ambivalenz bedeutet und warum wir den Schmutz im Bild brauchen, um uns als Menschen zu spüren.
Vom Magnetismus der Surrogate
Aktuelle Bild-KIs erzeugen Figuren, die wie von einem unsichtbaren Magnetfeld in Richtung Harmlosigkeit gezogen werden. Erotik wird gebremst, Gewalt dagegen großzügig toleriert – ein paradoxes Zusammenspiel aus Safety-Filtern, Trainingsdaten und rechtlichen Ängsten. Dieses „Magnetfeld“ produziert eine neue Ästhetik: brave Surrogate, die nie ganz das tun dürfen, was der Nutzer eigentlich will. Doch gerade diese Reibung eröffnet eine neue Form des Erzählens – einen persönlichen Film, der sich nur für einen einzigen Zuschauer schreibt.
Die Auflösung der Realität
Synthetische Bilder und Videos aus KI-Systemen wie Grok Imagine oder OpenAIs Sora überfluten Social Media mit täuschend echten, generischen Inhalten. Sie verwischen die Grenzen zwischen Realität und Fiktion, stellen die Authentizität von Informationen infrage und machen die Vergangenheit manipulierbar – ähnlich den Schatten in Platons Höhlengleichnis. Paradox: Je perfekter etwas wirkt, desto größer der Manipulationsverdacht.
Bilder, die man nicht sehen soll
Zwei Morde, zwei Bilderwelten: Der hilflose Moment in Charlotte, wo Iryna Zarutska ihr Leben verliert, und der digitale Spottsturm um Charlie Kirks blutigen Tod. Während das eine im Schweigen versinkt, feiert das andere in Memes und Reels als "verdiente" Rache. "Bilder, die man nicht sehen soll" – wo das Blut fließt, aber das Menschliche wie das Wahre erstarrt.
Das Bild wird Bühne – Inszenierungen der Ferne
Von der Grand Tour des britischen Adels über die Pauschalreisen von Cook und Stangen bis hin zu den ersten Urlaubsfotos: Die Geschichte des Reisens als soziale Praxis, Inszenierung und Bildkultur - wie Postkarten, Kameras und Fotografien wie die von Henri Cartier-Bresson die Art und Weise prägten, wie wir Ferne erleben und darstellen.
Eyes Up Here
Eine Rückbesinnung auf das, was Menschen seit jeher antreibt: Jugend, Attraktivität, Anziehungskraft.