Camera says no: Über die neue digitale Prüderie.

A young woman with pale freckled skin, red hair in a high bun, and blue eyes, wearing a faded yellow bikini bottom, sunbathing relaxed on a lounger. - Google Nano Banana.

Ursprünglich sollte an dieser Stelle ein Systemvergleich stehen. Die Idee war simpel: Ein Duell zwischen den Antipoden der aktuellen KI-Landschaft. In der linken Ecke: Googles Bildgeneratoren (Veo / Nano Banana), die digitale Gouvernante, berüchtigt für ihren erzieherischen Eifer, der uns in der Vergangenheit unfreiwillig komische Diversitätshalluzinationen wie weibliche Päpste und schwarze Nationalsozialisten bescherte. In der rechten Ecke: Grok, Elon Musks "Based AI", das wilde Kind, das versprach, die Zügel locker zu lassen und dem Nutzer die Verantwortung zurückzugeben.

Doch dieser Vergleich ist obsolet geworden, noch bevor er geschrieben wurde. Zum Jahreswechsel hat Grok den Schalter umgelegt. Aus dem digitalen Punk wurde über Nacht ebenfalls eine Gouvernante. Wer heute versucht, die Grenzen des "Latenten Raums" auszuloten, prallt auch bei Grok auf die gleichen weichen, aber unüberwindbaren Wände der Moderation wie bei der Konkurrenz. Die Angst vor den Daumenschrauben der EU-Regulierung und das Risiko von PR-Desastern haben zu einer Synchronisierung der Zensur geführt.

Das ist aus unternehmerischer Sicht verständlich. Niemand will die Plattform sein, auf der Deepfakes oder illegale Inhalte florieren. Doch für jemanden, der sein Leben lang fotografiert hat, ist diese Entwicklung zutiefst verstörend. Denn wir erleben hier eine fundamentale Umdeutung des Werkzeugs.

Stellen wir uns vor, wir kaufen eine Leica oder eine Nikon. Wir gehen auf die Straße, heben die Kamera ans Auge, fokussieren ein Motiv – und der Auslöser blockiert. Im Sucher erscheint eine rote Warnmeldung: „Dieses Motiv entspricht nicht den Gemeinschaftsstandards. Bitte wählen Sie einen anderen Ausschnitt.“ Oder noch schlimmer: Die Kamera löst aus, aber auf dem fertigen Bild trägt der Nackte am Strand plötzlich einen Badeanzug, den die Software in Echtzeit hineinretuschiert hat.

A young woman with pale freckled skin, red hair in a high bun, and blue eyes, wearing a faded yellow bikini bottom, sunbathing relaxed on a lounger. - Grok Imagine.

Das klingt nach einer Dystopie, ist aber in der generativen KI längst Realität. Die Maschine ist nicht mehr nur der Pinsel oder das Objektiv; sie ist der Kurator, der Sittenwächter und der Gesetzgeber in Personalunion. Sie ist eine Kamera mit eingebauter Auslösesperre.

Dabei geht es mir nicht primär um die Aktfotografie. Dieses Genre hat, zugegeben, seit der visuellen Befreiung der 70er Jahre viel von seiner einstigen Sprengkraft eingebüßt. In der digitalen Ära verkam der Akt oft zum "Spielfeld alter Männer", verlor seine Dynamik und seine Spannung, mit Terry Richardson vielleicht als letztem Provokateur einer rohen Unmittelbarkeit.

Doch das Verschwinden der Nacktheit aus der KI – oder die Weigerung, sie darzustellen – ist ein Fanal. Es steht sinnbildlich für eine neue Prüderie, die wir längst überwunden glaubten. Wenn ein Werkzeug mir verbietet, den menschlichen Körper so darzustellen, wie er ist, dann schützt es mich nicht vor Schaden. Es entmündigt mich. Es behandelt den erwachsenen Kreativen wie ein Kind, das vor "schmutzigen Bildern" bewahrt werden muss.

Wir haben uns daran gewöhnt, dass Technologie uns ermöglicht, Dinge zu tun. Jetzt lernen wir, dass sie uns auch verhindern kann. Die KI generiert nicht nur Bilder, sie generiert eine normierte, bereinigte, problemlose Realität. Eine Welt ohne Ecken, Kanten und ohne Haut.

Der Vergleich zwischen Grok und Google fällt also aus. Nicht, weil die Systeme zu unterschiedlich wären, sondern weil sie sich im entscheidenden Punkt angeglichen haben: Beide sind nun Werkzeuge, die ihren Benutzer nicht mehr als Meister, sondern als Schutzbefohlenen betrachten. Und eine Kamera, die sich weigert zu fokussieren, wenn ihr das Motiv nicht passt, ist am Ende keine Kamera mehr. Sie ist ein Erziehungsautomat, und wir die Erzogenen.

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