Das, was hätte sein können: Barthes und der Geist in der Maschine
Paris, 26. März 1980
Es entbehrt nicht einer gewissen tragischen Ironie, dass Roland Barthes kurz nach der Fertigstellung seines fotografischen Hauptwerks „Die helle Kammer“ von einem Pariser Wäschereilaster überfahren wurde. Ein banaler Tod für einen Mann, der gerade versucht hatte, das Mysterium des Bildes zu entschlüsseln. Er schrieb das Buch in Trauer, auf der Suche nach dem Wesen seiner verstorbenen Mutter, die er schließlich in einem alten Wintergarten-Foto wiederfand.
Seitdem haben sich Generationen von Studenten und ambitionierten Fotografen durch dieses schmale, handliche Buch gequält. Es gilt als der Katechismus der Fotografie. Sie suchen nach einer Anleitung für gute Bilder und finden stattdessen Barthes’ subjektive Unterscheidung zwischen dem Studium (dem kulturellen Interesse) und dem Punctum (dem Detail, das einen „sticht“ und verwundet). Am Ende der Lektüre steht oft die ernüchternde, aber befreiende Erkenntnis: Ein Bild trifft dich, oder es trifft dich eben nicht.
Doch der Kernsatz des Buches, das Dogma, an dem wir uns alle abgearbeitet haben, lautet: Das Noema der Fotografie ist das „Es-ist-so-gewesen“. Die Fotografie, so Barthes, ist der unwiderlegbare Beweis, dass das Gezeigte vor der Linse existierte. Ein Lichtstrahl hat das Objekt berührt und sich wie eine Nabelschnur bis zum Betrachter gezogen.
Wenn die klassische Fotografie das „Es-ist-so-gewesen“ zeigt, was zeigt uns die KI? Ein „Es-ist-nie-gewesen“?
Das wäre zu einfach. Denn die KI halluziniert nicht im luftleeren Raum. Wenn wir ein synthetisches Bild betrachten, sehen wir nicht das Nichts. Wir sehen die statistische Summe aller Bilder, die jemals gewesen sind. Ein KI-Bild ist keine Lüge, es ist ein kondensiertes Echo der Realität. Es besteht aus Milliarden Fragmenten, Splittern und Pixel-Konstellationen, die die Maschine aus echten Fotografien gelernt hat.
Die KI zeigt uns nicht eine spezifische historische Sekunde, die so stattgefunden hat. Sie zeigt uns eine Realität, wie sie exakt so nicht existierte, aber so durchaus hätte gewesen sein können.
Das ist der entscheidende Shift: Vom Indikativ der Fotografie („Es war“) zum Konjunktiv der KI („Es hätte sein können“).
In gewisser Weise ist das ehrlicher, als wir zugeben wollen. Denn auch die klassische Fotografie war nie das reine Abbild der Wahrheit, sondern immer eine durch Ausschnitt und Kontext manipulierte Komposition. Die synthetische Fotografie treibt dieses Prinzip nur auf die Spitze. Sie rekombiniert nicht mehr nur Ausschnitte der Welt, sondern die Atome der Erinnerung selbst.
Vielleicht würde Barthes, wenn er heute vor einem perfekten, synthetischen Porträt stünde, nicht mehr nach der Mutter im Wintergarten suchen. Vielleicht würde er erkennen, dass der Geist in der Maschine uns nicht die eine Wahrheit zeigt, sondern die Summe aller möglichen Wahrheiten. Ein visuelles Rauschen aus allem, was wir je gesehen haben – neu zusammengesetzt zu einem Punctum, das uns treffen kann, obwohl es keinen Ursprung hat.