Die vier Gesetze der Halluzination: Barthes vs. McLuhan

Wir haben uns bereits damit auseinandergesetzt, wie die KI als Medium uns im Sinne des frühen McLuhan „massiert“ und unsere Rolle vom Schöpfer zum Besteller verändert. Doch um die aktuellen Verschiebungen durch generative KI vollständig zu erfassen, müssen wir einen Schritt weitergehen. Die radikale Umwälzung unserer Medienrealität verlangt nach einer präziseren Diagnose. Dafür lohnt - wie ich finde - ein Blick auf das Spätwerk Marshall McLuhans.

Kurz vor seinem Tod entwickelte er mit der sogenannten Tetrade ein Analyseinstrument, das sich effektiv auf die generative KI anwenden lässt. McLuhan postulierte, dass jedes neue Medium vier fundamentale Effekte auslöst: Es verstärkt eine Funktion, es macht eine alte Praxis obsolet, es holt etwas Vergangenes zurück und es schlägt bei Überreizung in sein Gegenteil um. Legt man diese Matrix auf die aktuelle Technologie, ergibt sich eine nüchterne Bestandsaufnahme des kulturellen Wandels.

Die erste Frage der Tetrade zielt auf die Verstärkung. Bei der KI ist dies primär die Produktionsgeschwindigkeit und die Entkopplung von Kompetenz und Ergebnis. Das Medium fungiert als Beschleuniger. Es schließt die Lücke zwischen der bloßen Idee und dem fertigen Resultat. Wo früher jahrelanges Training nötig war, um handwerkliche Standards zu erreichen, genügt heute die Formulierung einer Absicht. Die KI verstärkt den Output quantitativ massiv. Wir erleben eine Demokratisierung der Erstellung, die jedoch zwangsläufig zu einer Inflation der Inhalte führt.

Daraus ergibt sich der zweite Effekt: Was wird obsolet? Die KI macht den klassischen Prozess des Lernens durch Wiederholung in vielen Bereichen überflüssig. Die technische Hürde, der Widerstand des Materials, entfällt. Damit verliert das Handwerk im herkömmlichen Sinne an Relevanz. Malcolm Gladwells These der „zehntausend Stunden“ zur Erlangung von Meisterschaft wird entwertet. Mit dem Wegfall der technischen Barriere verschwindet allerdings auch die produktive Reibung, die oft qualitätssteigernd wirkte. Wenn ein akzeptables Ergebnis ohne Aufwand reproduzierbar ist, wird der Durchschnitt zum neuen Standard.

Drittens: Was holt das Medium zurück? Die Interaktion mit der KI reaktiviert interessanterweise die Mündlichkeit. Die Steuerung von Computern erfolgt nicht mehr primär über abstrakten Code oder mechanische Befehle, sondern über natürliche Sprache. Das Prompting markiert eine Rückkehr zum Wort als konstituierendem Element. Die Beschreibung des Bildes erzeugt das Bild. Wir kehren in gewisser Weise zurück zu einer vor-schriftlichen Logik, in der das Erzählte die Realität formt, nur dass dies nun technisch vermittelt geschieht.

Der vierte Punkt der Tetrade beschreibt das Umschlagen des Mediums in sein Gegenteil. Zum einen kippt Information in Desinformation; die extreme Verfügbarkeit erzeugt kein Wissen, sondern ein Rauschen, in dem Validität kaum prüfbar ist. Zum anderen droht das Verhältnis von Mensch und Maschine zu kippen. Was als harmlose Unterstützung beginnt – symbolisiert durch den hilfreichen Saugroboter –, kann bei einer Verdrängung menschlicher Arbeit in eine defensive Aggression umschlagen. Das technologische Versprechen der Effizienz wird dann nicht mehr als Gewinn, sondern als Bedrohung der eigenen Erwerbsbiografie wahrgenommen.

Hier wird auch der theoretische Bruch deutlich, wenn man McLuhans Konzept von „Figur und Grund“ gegen Roland Barthes’ Definition der Fotografie stellt. Für Barthes war das Bild der Beweis eines „Es ist so gewesen“; sein Fokus lag auf der Figur, dem unwiderruflichen Moment. In der generativen KI verliert dieser Ansatz seine Gültigkeit, da der Referent fehlt. Es gibt kein „Gewesen“. McLuhan bietet die präzisere Diagnose: Wir neigen dazu, weiterhin auf die Figur (das generierte Bild) zu starren und dessen Realismus zu bewerten. Dabei übersehen wir den Grund. Der Grund ist nicht mehr die physikalische Realität, die Licht auf einen Sensor wirft, sondern ein latenter Raum. Das Bild wird nicht abgerufen, sondern aus einem statistischen Rauschen destilliert. Während Barthes im KI-Bild vergeblich nach der Wahrheit sucht, zeigt McLuhan, dass sich die Umgebung selbst – der Boden, auf dem die Bilder entstehen – in eine mathematische Abstraktion aufgelöst hat.

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Drei Jahre später