Michael Günther vor seiner Haustür, vom grellen Licht der Leuchte fast aufgelöst

Vor etwas mehr als einem Jahr habe ich an dieser Stelle über die letzten Tage meiner Katze geschrieben und über die Bilder, die ich in diesen Tagen von ihr gemacht habe. Ich wusste, dass sie bald sterben würde, und habe sie schon mit dem Abschied vor Augen fotografiert; nur sie selbst wusste es nicht.

Michael Günther dagegen wusste genau, was auf ihn zukam. Er war Buchhändler, Fotografenmodell und auch Mediziner. Als Doktor konnte er seinen Zustand besser einschätzen als die meisten, und darunter hat er sicher gelitten. Für den körperlichen Zerfall, für das Älterwerden und damit auch für den Tod, der näher kam, hatte er seine eigene Beschreibung, die ich bemerkenswert fand: Er nannte es „Zurückfallen“. Vor wenigen Wochen ist er gestorben.

Kennengelernt haben wir uns erst spät, und zwar über „Montauk“, einen Bildband, den er begonnen hatte. Ich habe versucht, ihn zu beraten, und die Bildredaktion übernommen, wo ich glaubte, ihm zur Seite stehen zu können. In der Fotografie ist viel Eitelkeit im Spiel, meine eigene nicht ausgenommen, und wenn sich ausgerechnet dort zwei ältere Männer begegnen und die Eitelkeit trotzdem zur Seite tritt, kann daraus etwas sehr Einfaches und sehr Solides werden. So war es mit Michael, der mein letzter guter Freund geworden ist, der neueste und doch auch der älteste.

Gemeinsam haben wir seine Fotografien durchgesehen, aber auch die Bilder aus den vielen Schuhkartons seiner Familiengeschichte. Dabei stellt man fest, ob im Schuhkarton oder auf der Festplatte: Man trifft immer häufiger auf Menschen, die nicht mehr leben. Üblicherweise sind es zuerst die Urgroßeltern, dann die Großeltern, später Bekannte, irgendwann auch Freunde, und manchmal ein Haustier. Michael kannte das natürlich selbst; er hat sich lange mit Hunden und mit Pferden beschäftigt.

Michael Günther sitzt vorgebeugt auf einem dunkelroten Ledersofa, die Unterarme auf den Knien, die Brille ins Haar geschoben, und blickt in die Kamera

Ich empfinde es als sehr betrüblich, dass der neueste Freund als erster vor den alten geht.

Mit seinem Tod sehe ich „Montauk“ heute anders, und zwar nicht nur das Buch, sondern das ganze Projekt. Ich war mir stets sicher, dass die Arbeit daran sowohl Testament als auch Nachruf war. Ich frage mich aber, wie das Wissen um das Ende unsere gemeinsame Bildredaktion geprägt hat, also die Entscheidung, welches Bild ins Buch kam und welches draußen blieb.

Die entscheidende Frage habe ich während der ganzen Arbeit umgangen, obwohl sie dem Projekt vielleicht eine viel klarere Richtung gegeben hätte. Ich hätte Michael fragen müssen, ob er ein ehrliches Bild von sich anstrebt oder einen Nachruf, und ob er wirklich ehrlich sein will und nicht nur ein bisschen, oder ob er es hält wie wir alle, die nichts beschönigen und das eine oder andere trotzdem lieber ausblenden. Oft genug lag mir die Frage auf der Zunge, aber ich habe sie hinuntergeschluckt, weil ich ihm nicht unterstellen wollte, dass es da noch eine Schicht gibt, über die wir nie gesprochen hatten. Gestellt habe ich sie nie, und so bin ich sie uns beiden schuldig geblieben.

Für das, was eine Fotografie behauptet, hat Roland Barthes eine knappe Formel gefunden: „Es-ist-so-gewesen“. Ein Foto mag vieles verschweigen, es bezeugt aber, dass etwas vor dem Objektiv gestanden hat. In „Die helle Kammer“ betrachtet Barthes das Porträt, das Alexander Gardner im Frühjahr 1865 von Lewis Payne gemacht hat, gut zwei Monate vor dessen Hinrichtung, und schreibt dazu: „Er ist tot, und er wird sterben.“ Als Gardner auslöste, lag der Tod noch in der Zukunft, für uns liegt er längst in der Vergangenheit, und das Bild zeigt beides zugleich.

Genau so lese ich heute Michaels Bilder. Entstanden sind sie im Präsens, für ein Buch und aus der Arbeit heraus, gelesen werden sie aber im Futur II: Er wird gestorben sein. Bei ihm lag dieses Futur II allerdings nicht erst im Blick späterer Betrachter, denn gegen Ende der Arbeit wurde es ihm selbst immer bewusster. War das Buch also schon damals sein Testament, oder wird es erst jetzt zu einem? Vielleicht entscheidet darüber ohnehin nicht der, der auf den Bildern zu sehen ist.

Michael Günther von hinten im Halbdunkel, die Kamera vor dem Gesicht; vor ihm steht eine Frau mit langen, lockigen Haaren vor einem braunen Studiohintergrund

Werden Bilder wertvoller, wenn der Mensch darauf nicht mehr lebt? Von den 30.000 Handybildern, die einer hinterlässt, sicher nicht alle, und die meisten bleiben, was sie vorher auch waren, nämlich Ausschuss. Bei einem oder zweien kann es aber anders sein, dann nämlich, wenn uns ein Bild trifft, durch das, was es zeigt, oder durch den, der darauf zu sehen ist. Barthes nennt das „punctum“, den Stich, mit dem uns ein Bild aus sich heraus erwischt. Vielleicht werden aber auch weniger die Bilder wertvoller als die Gedanken, mit denen wir sie ansehen, denn das Bild bleibt, wie es war, und nur wir sehen anders hin.

Das hieße dann auch, dass das entscheidende Foto gar nicht beim Auslösen entsteht, sondern erst bei der Auswahl, manchmal Jahrzehnte später, wenn jemand in einem Bild etwas findet, das damals keiner gesehen hat.

Das geht mich unmittelbar an, weil ich bei der Bildredaktion nichts anderes tue als auswählen, und wer auswählt, spricht immer für den mit, dessen Bilder es sind. Bei „Montauk“ haben wir noch unter Lebenden gearbeitet, sodass Michael widersprechen konnte, wann immer er wollte; das kann er jetzt nicht mehr. Heute lässt sich jedes Gesicht künstlich erzeugen, und gerade deshalb zählt am Foto eines Toten umso mehr, dass er wirklich vor dem Objektiv stand und dass jemand, der ihn kannte, dieses Bild ausgesucht hat.

Am Ende bleibt von einem Menschen nur das Bild, und sei es das, das wir von ihm im Kopf tragen, weil wir uns an Menschen nun einmal in Bildern erinnern. Dieses Bild, dieses Image, bestimmt, wie wir jemanden künftig sehen, verstehen und lesen. Bilder halten die Vergangenheit fest, sie fixieren Menschen und Ausschnitte, und eben damit legen sie auch uns fest.

Michael hat an seinem Bild gearbeitet und wusste dabei, wie es ausgehen würde. Geblieben sind von ihm „Montauk“, die Bilder in meinem Archiv und das Bild, das ich von ihm im Kopf habe. Ob das Ganze ein Testament war, ein Nachruf oder eine Verklärung, muss jeder, der die Bilder ansieht, für sich selbst beantworten.

Michael Günther sitzt mit ausgestreckten Beinen in einem dunklen Sessel in einem vollgestellten Arbeitsraum, vor ihm ein niedriger Glastisch

Merkwürdig ist, was ich seit seinem Tod erlebe: Wenn ich die Bilder ansehe, die ich von ihm gemacht habe, erscheint er mir nicht gegangen. Er scheint noch da zu sein, trotz der Trauerfeier und obwohl ich weiß, dass er gestorben ist. Vielleicht liegt das an den Fotos, an dem, was sie behaupten: Es-ist-so-gewesen. Und vielleicht ist das die einzige Antwort, die sie geben können.

Auf Wiedersehen heißt wörtlich: wieder sehen. Michael sprach vom „Zurückfallen“. In den Bildern fällt er nicht zurück, ich sehe ihn wieder. À bientôt.