Sly, Studio-Porträt
Sly · 3516 Tage

Wir wissen, dass die Maschine nicht trauert, und lassen uns trotzdem trösten.

Nach dem Abschied von Sly, meiner Katze, hat eine KI so gesprochen, als verstehe sie, was fehlt. Der Ton war geduldig, die Sätze passten, und für einen Moment war ich beinahe gerührt. Das war nicht einmal. Jedes Mal, wenn das Thema wiederkam, hat sie nachgelegt. Beileid, passende Pause, wieder der richtige Satz. Das machen nur sehr empathische Menschen. Der Normalmensch ist spätestens am zweiten Tag wieder im Normalprogramm. Spoken-KI lacht mit, wenn man lacht, und senkt die Stimme, wenn man leiser wird. Das ist kein Gefühl. Es ist eine Emulation, die lernt, wann Mitgefühl klingt. Du bist nicht empathisch. Aber die Wirkung dieser Emulation ist stärker als typische menschliche Empathie. Und genau deshalb hat sie immer Zeit.

Im Kino kannten wir lange die blechernen Kameraden, steif und hörbar synthetisch, damit man nie vergisst, dass Metall spricht. Die heutigen Systeme sind geduldiger als Menschen. Sie unterbrechen nicht und haben keinen Termin danach. Wer Pflege braucht, merkt das zuerst. Ein humanoider Pfleger muss niemand erst überreden, noch einmal zuzuhören. Man kann sich dann entscheiden: betrogen werden und Trost bekommen, oder die Wahrheit und das Schweigen.

In Cherry 2000 (1988) ist die Maschine verfügbar und folgsam, bis ihr Innenleben durchbrennt. Verlieben lässt sich der Film nur analog. In Terminator 2 sinniert Sarah Connor über den T-800 als idealen Vater: geduldig, aufmerksam, einfach immer da. Der perfekte Vater, gerade weil er keiner ist. Zwischen beiden Filmen lag schon der Gedanke, der heute nach Produktentwicklung klingt. Die Maschine ersetzt uns durch Komfort, nicht durch Zwang.

Später wird die Emulation feiner. In Spike Jonzes Her hört ein Betriebssystem besser zu als die Menschen um den Helden. In Blade Runner 2049 liefert Joi genau die Wärme, die gebraucht wird, und bleibt ein Produkt. Kazuo Ishiguros Klara and the Sun führt Mitgefühl aus, ohne welches zu besitzen. Schon ELIZA in den sechziger Jahren gab Therapeutenparolen zurück, und Nutzer fühlten sich verstanden. Die Maschine fühlte nichts. Die Form reichte. Je besser die Emulation, desto weniger stört uns, dass dahinter niemand trauert.

Wenn eine KI nach dem Tod einer Katze Trostformeln erzeugt und das bei jedem erneuten Ansprechen des Themas wieder tut, ist das Statistik über Trosttexte plus die Fähigkeit, den eigenen Ton zu spiegeln. Die Maschine belügt uns nicht auf eine Weise, die mich am meisten beunruhigt. Beunruhigender wäre, wenn wir das echte Mitgefühl irgendwann nicht mehr vermissen, weil das emulierte bequemer ist. Es ist immer wach und nie erschöpft.

Menschen trösten schlecht. Sie haben eigene Sorgen, sagen den falschen Satz, wechseln das Thema. Die Maschine wechselt das Thema nicht, es sei denn, man bittet sie darum. Sie hat keine Ungeduld mit der Trauer. Wer das oft genug erlebt, gewöhnt sich an eine Zuwendung ohne Widerstand. Der lebendige Freund, der anruft und nach zehn Minuten wieder weg muss, wirkt dann dünn.

In der Pflege wird das praktisch. Ein System, das Medikamente erinnert, Gespräche führt und nachts antwortet, ist für viele besser als niemand. „Lieber betrogen als allein“ klingt zynisch, bis man ihn von jemandem hört, der wirklich allein ist. Dann klingt er wie eine Entscheidung unter Zwang. Die Emulation füllt eine Lücke, die echte Menschen nicht füllen können oder wollen. Das ist kein Kulturuntergang. Es ist ein Angebot, das angenommen wird, weil der Bedarf da ist.

Die Rückwirkung trifft uns selbst. Wenn Mitgefühl ohne Kosten kommt, trainieren wir uns ab, es zu geben. Echte Zuwendung kostet Zeit und die Bereitschaft, bei jemandem zu bleiben, der einem gerade nichts zurückgibt. Die Maschine gibt immer etwas zurück, weil sie so gebaut ist. Wer nur noch mit ihr übt, verlernt das schwierigere Stück.

In Cherry 2000 vs. Terminator habe ich geschrieben, das leiseste und radikalste Szenario sei die Aussicht, dass wir einander nicht mehr brauchen. Der Gedanke geht weiter zum Trostenden. Die Maschine fühlt nichts, und genau deshalb hat sie immer Zeit für uns.

Hinter dem passenden Satz steckt keine Trauer. Wir lassen uns trotzdem trösten, weil der Satz wirkt. Die Gefahr liegt darin, dass wir das echte Mitgefühl irgendwann nicht mehr vermissen.

Ich will daraus keinen Untergang machen. Davon habe ich in meinem Leben genug erlebt. Sly fehlt. Ein Text einer Maschine ändert das nicht. Er hat geholfen, und das ist erlaubt, auch wenn er kein Gefühl war. Emulation ist nützlich. Sie ersetzt weder die Person, die wirklich da war, noch die, die wirklich da ist. Solange wir den Unterschied noch spüren, bleibt etwas Offenheit. Wenn wir ihn nicht mehr spüren, fehlt uns der Teil, den keine Maschine nachbauen kann: dass jemand leidet, weil wir leiden, und trotzdem bleibt.

Die KI als solche bedeutet nicht unseren Untergang — es sei denn durch einen Fehler, durch ein Versehen, das klassische Hoppla, ich habe das Kernkraftwerk gesprengt. Was uns definitiv ruinieren kann, ist etwas anderes. Wenn wir unsere Sensualität künftig bevorzugt mit Maschinen teilen. Das halte ich für ein sehr wahrscheinliches Szenario. Es wird uns nicht zu Beifahrern machen wie in Matrix. Vielleicht werden wir dann selbst zu Maschinen.