Cherry 2000 vs. Terminator
Cherry 2000 (1988) - Pamela Gidley als Cherry 2000, Orion Pictures
Was, wenn wir einander nicht mehr brauchen?
Man sagt, Männer wollten stets nur das eine. Ein schnell gesetzter Vorwurf, der sich moralisch gut verwerten lässt – und evolutionsbiologisch vermutlich nicht völlig aus der Luft gegriffen ist. Fortpflanzung folgt keiner Feuilletonlogik.
Evolutionsbiologisch betrachtet ist der einzelne Mann für den Fortbestand einer Population entbehrlicher als die einzelne Frau. Ein Mann kann theoretisch zahllose Nachkommen zeugen; die Biologie setzt Frauen engere Grenzen. Das ist keine Wertung, sondern Statistik. Dennoch ist auch der Mann an Bindung interessiert. Wäre dem nicht so, wir säßen vermutlich noch immer auf Bäumen und diskutierten Reviergrenzen.
Medienhistorisch lassen sich zwei Filme nebeneinanderlegen – ein B-Movie und ein Blockbuster, beide Kinder derselben Dekade.
In Cherry 2000 lebt der Protagonist mit einem humanoiden Haushalts- und Lustmodell zusammen. Die titelgebende Cherry ist attraktiv, folgsam, verfügbar. Als ihr Innenleben durchbrennt, begibt er sich auf die Suche nach Ersatz – nur um festzustellen, dass diese Qualitätsstufe nicht mehr produziert wird. Ein Problem, das manchem Autokäufer im Zeitalter kastrierter Motoren nicht völlig fremd sein dürfte.
Es gibt allerdings noch ein Lager mit alten Modellen. Dumm nur: Es liegt im postapokalyptischen Niemandsland. Um dorthin zu gelangen, braucht es eine Söldnerin (Melanie Griffith). Sie ist aus Fleisch und Blut – und selbstverständlich kommt es, wie es kommen muss.
Die Mechanik funktioniert. Aber verlieben lässt sich der Film nur analog.
Der eingangs erwähnten Vorwurfs - Männer wollen nur das eine - löst sich hier beinahe konservativ auf: Männer mögen das eine wollen – aber lieben können sie im Kino offenbar nur das Unersetzbare.
Eine andere Perspektive liefert Terminator 2: Judgment Day. In einer zentralen Szene sinniert Sarah Connor über den Terminator als idealen Vater. Der T-800 ist geduldig, aufmerksam, stets präsent. Schnitt. Gegenlicht. Schrotflinte im Anschlag. Maskuliner Beschützer im ikonischen Tableau.
Der sexuelle Aspekt bleibt ausgespart, doch als Versorger und Wächter hat die Maschine ausschließlich Vorteile: Sie wird nicht eifersüchtig, schaut keiner anderen hinterher und kommt nachts nicht betrunken aus der Kneipe.
Der perfekte Vater – gerade weil er keiner ist.
Zwischen diesen beiden Filmen liegt ein Gedanke, der heute weniger nach Science-Fiction klingt als nach Produktentwicklung.
Mit steigender Rechenleistung, personalisierten Algorithmen und generativer KI sind wir längst dabei, unsere Umwelt nach Präferenz zu formen. Die Wahl unserer Medien – ob öffentlich-rechtlich oder sozial, dort inklusive Blockfunktion – strukturiert bereits jetzt unsere Wahrnehmung. Node-basierte Bildgeneratoren produzieren schon jetzt kaskadierend individualisierte Ideale. Aus einer Vorliebe entsteht ein Strom maßgeschneiderter Projektionen.
Das gilt für Männer wie für Frauen.
Und es bedeutet: Wir treten in Konkurrenz zu synthetisch erzeugten Wunschbildern. Während „reale“ Medien sich um Diversität, Inklusion und die bewusste Abkehr vom Ideal bemühen, perfektioniert die Maschine das Ideal nach Maß.
Nicht normativ, sondern adaptiv.
Nicht moralisch, sondern effizient.
Das eigentlich Beunruhigende an der aktuellen KI-Debatte ist daher nicht die Angst vor der rebellierenden Maschine, nicht der Verlust von Berufung und Notwendigkeit. Es ist die Aussicht auf eine Welt, in der sie uns nicht bekämpfen muss, nicht bekämpfen wird – weil sie uns als Parnter ersetzt. Emotional nicht durch Zwang, sondern durch Komfort. Weil wir es so wollen werden.
Ich glaube nicht, dass ich das Zeitalter von Cherry – oder Banana – 2000 noch erleben werde. Und falls doch, würde es mich womöglich weniger interessieren als „Pfleger 2000“.
Aber unter all den apokalyptischen Szenarien, die derzeit medial kursieren, erscheint mir dieses das leiseste und zugleich radikalste:
Was, wenn wir einander nicht mehr brauchen?