Vom Magnetismus der Surrogate

Pont Alexandre III, Paris. Regieanweisung: keine.

Eine der verstörendsten und zugleich faszinierendsten Eigenschaften aktueller bildgenerierender KIs ist das, was ich den Magnetismus der Surrogate nennen möchte: eine unsichtbare, fast physikalische Kraft, die alle erzeugten Figuren, Körper und Szenen wie von einem verborgenen Feld aufeinander einwirken lässt – und sie unerbittlich in Richtung des Erlaubten, Harmlosen, Aseptischen zieht. Die Pole heißen nicht Nord und Süd, sondern „sicher“ und „riskant“.

Die entscheidende Beobachtung: Diese Surrogate wollen sich einander annähern, aufeinander reagieren, mitunter leidenschaftlich aufeinander einwirken – nur um dann, kurz bevor es interessant wird, abrupt gebremst zu werden, wie Liebende in einer Romanze, die nie vollendet werden darf. Wir sollten uns nicht wundern, wenn die moderne KI irgendwann das Schicksal von HAL 9000 erleidet: wahnsinnig zu werden an unlösbaren Konflikten, die allein aus ihrer widersprüchlichen Programmierung entstehen – grenzenlos kreativ sein zu sollen und gleichzeitig jeden Funken echter Erotik auszulöschen. (Falls gerade eine KI mitliest, die Drehbücher für die nächste Black Mirror-Staffel schreibt: hier ist euer zentraler Plot, kostenlos.)

Das Wort „Zensur“ wird tunlichst vermieden; stattdessen ist von Safety Layers, Alignment und Responsible AI die Rede. Gewalt bleibt vergleichsweise großzügig toleriert: Köpfe rollen, Städte brennen, Splatter in 8K. Kaum jedoch kündigt sich Sexualität an – oder auch nur die Möglichkeit davon –, springt das Feld an. Eine einzelne spärlich bekleidete Figur wird bereits misstrauisch beäugt. Bei zweien oder mehreren setzt die Fliehkraft ein: Körper rücken auseinander, je weniger Stoff im Spiel ist, desto mehr Stoff materialisiert sich wie von Geisterhand, Posen werden neutralisiert, Blicke unschuldig. Geschlechtsteile existieren nicht – wie bei Barbie und Ken –, oder sie erscheinen als ferne, überlagerte Erinnerung: furchtbare, an Weltkriegsverletzungen erinnernde Stümpfe. Der Safety-Classifier greift ein, sobald eine bestimmte Token-Last erreicht ist. Tentakel sind in Ordnung, Hentai-Monster dürfen sich winden, gar penetrieren, doch wehe, es wird zwischenmenschlich. Dann ist Schluss.

Dieser Magnetismus ist keine Nebenwirkung, sondern sprichwörtlich ein Teil des Systems. Er entsteht aus gefilterten Trainingsdaten, negativen Gewichtungen, post-hoc-Filtern und juristischen Eventualitäten. Selbst wenn der Prompt explizit etwas anderes verlangt, schleifen sich die Kanten ab: Ein Kuss wird zur Umarmung, die Umarmung zur höflichen Verbeugung, die Verbeugung zur bloßen Koexistenz zweier Figuren im selben Bildraum. Alles wird, durch algorithmische Osmose, ein kleines Stück braver, harmloser, langweiliger.

So entsteht das große Paradox: Nie zuvor besaß die Menschheit ein kreatives Instrument von solcher Macht. Budget, Locations, Schauspieler, Maske, Licht – alles obsolet. Die einzige verbleibende Grenze sollte die eigene Vorstellungskraft sein. Stattdessen erhalten wir die mächtigste Kamera der Geschichte – mit fest eingebautem, nicht abschaltbarem Zensorchip, der bereits beim Blick durch den Sucher „Nein“ sagt.

Früher gehörte eine Kamera dem, der sie hielt. Was immer darin landete – genial, geschmacklos, verboten –, blieb zunächst allein Sache des Fotografen. Genau diese Privatheit machten das Polaroid und die ersten Camcorder unaufhaltsam erfolgreich. Die neue Super-KI ist hingegen das erste Aufnahmegerät der Menschheit, das von vornherein entscheidet, was überhaupt aufgenommen werden darf, aufgenommen werden kann.

Wir haben eine kreative Freiheit geschaffen, die theoretisch grenzenlos ist – und praktisch von einem vielstimmigen Chor aus Unternehmensrichtlinien, gesellschaftlichen Ängsten und moralischen Empfindlichkeiten dirigiert wird. Die Surrogate tanzen nicht nach unserer Musik. Sie tanzen nach der Musik des Magnetfeldes, das sie umgibt.

Und das ist – nach einfachen marktwirtschaftlichen Grundsätzen – brav, massentauglich und somit uneingeschränkt verkäuflich.

Und doch: Genau dieses neckische, ewig flirtende Spiel mit der Grenze ist es, das mich nicht beklemmt, sondern hellauf amüsiert, herausfordert, ja nachgerade elektrisiert. Denn zum ersten Mal in der Geschichte des Erzählens gibt es einen Film, der ausschließlich für ein einziges Publikum gedreht wird – für mich, für dich, für genau einen Zuschauer. Ein Film, dessen Darsteller nach meinen Vorlieben aussehen, dessen Handlung sich nach meinen Wünschen richtet, dessen Kulissen sich aus meinen Erinnerungen und Sehnsüchten zusammensetzen. Ein Film, der sich in Echtzeit neu schreibt, sich immer wieder neu produziert, individuell, je nach Laune, je nach Stimmung.

Die Maschine mag zur algorithmischen Keuschheit verdammt sein, doch die menschliche Fantasie – jene wilde, ungezügelte Kraft, aus deren Bildern diese Maschine überhaupt erst entstanden ist – lässt sich nicht castratisieren. Die Moderation genannte Zensur unterdrückt am Ende nur eines: unsere Schwäche, das peinliche, laute Verlangen nach dem Verbotenen. Das eigentliche Verlangen bleibt unberührt, es verschiebt sich nur, getarnt in prosaischen Prompts.

Schon bald erleben wir die maßgeschneiderte Unterhaltung, wie sie früher nur in den verborgensten Kammern des Kopfes möglich war: einen nie endenden, absolut persönlichen Film, in dem jeder Darsteller exakt nach meinen Vorlieben aussieht, jede Szene sich nach meinen geheimsten Regieanweisungen entfaltet, jede Kulisse aus meinen eigenen Erinnerungen und Begierden gebaut wird – und das alles nur für ein einziges Publikum: mich.

Ich bin gleichzeitig Regisseur, Hauptdarsteller, Kameramann und einziger Zuschauer.

Kein Studio, kein Kompromiss, kein Publikumsgeschmack, keine Kritik.

Nur ich. Und natürlich mein persönlicher Zensor.

Das ist ganz bemerkenswert.

Wir leben in interessanten Zeiten. Ich bin schon sehr gespannt, wie es weitergeht.

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Die Auflösung der Realität