Die Leiche bitte aus dem Feed retuschieren
Alexander Gardner, Timothy H. O'Sullivan - Home of a Rebel Sharpshooter, Gettysburg aus Gardner's Photographic Sketchbook of the War, United States Library of Congress.
Vor einigen Jahren schrieb ich an dieser Stelle über die "Leiche bitte 40m mehr nach rechts". Es ging um Alexander Gardner und seinen Assistenten Timothy O'Sullivan, die im US-Bürgerkrieg die Leiche eines gefallenen Infanteristen in Gettysburg über das Schlachtfeld schleppten, um sie in einer Felsspalte ("Devil's Den") fotogener zu drapieren.
Es ging um die Inszenierung des Schreckens, weil die damalige Technik – träge Plattenkameras mit langen Belichtungszeiten – das echte Sterben, die Action, den Moment des Treffers gar nicht einfangen konnte. Der Krieg musste für das Bild stillstehen.
Man sollte meinen, im Zeitalter der totalen Transparenz hätten wir diese Distanz überwunden. Wir brauchen keine Stillleben mehr. Wir haben Kamikaze-Drohnen.
Die totale Nähe
Wir erleben gerade eine mediale Anomalie. Wir sind nicht mehr nur Zuschauer, wir blicken durch die Augen des Tätergeräts. Wie ich in "Der Krieg in der Ego-Perspektive" beschrieb, hat sich die Optik des Krieges der Ästhetik von Videospielen angeglichen.
Auf Plattformen wie X oder Telegram sehen wir durch das digitale Auge einer FPV-Drohne. Wir sehen das Fadenkreuz, die "Low Battery"-Anzeige, das HUD-Overlay. Wir jagen über Schützengräben, visieren ein offenes Panzerluk an – oder schlimmer noch: den einzelnen Menschen. Wir sehen ihre verzweifelten Versuche, der Drohne zu entkommen, das Haken-Schlagen um das nackte Überleben, oft noch garniert mit entmenschlichenden Kommentaren oder höhnischen Emojis in der Videobeschreibung. Wir sind "eingebettet" auf eine Weise, die keine körperliche Distanz mehr kennt.
Und doch sehen wir am Ende: Nichts.
Denn im entscheidenden Moment, dem Moment der Wahrheit, reißt der Stream ab. "Signal Lost". Weißes Rauschen. Oder der Schnitt erfolgt Sekundenbruchteile vor dem Einschlag.
Warporn ohne Wunden
Das Paradoxon unserer Zeit ist: Wir haben die technische Möglichkeit, den Tod live zu senden, aber er wird uns vorenthalten.
Während Gardner die Leiche noch ins Bild rückte, um das Drama sichtbar zu machen, wird es heute unsichtbar gemacht – nicht aus technischer Notwendigkeit, sondern aus kommerziellem Kalkül.
Das zentrale Prinzip lautet: "Not Advertiser Friendly".
Schon der legendäre Kriegsfotograf Don McCullin bemerkte bitter, wie sich die Medienlandschaft nach dem Vietnamkrieg wandelte. Als Medienzaren wie Rupert Murdoch britische Traditionshäuser übernahmen, wurde allzu drastisches Bildmaterial zunehmend abgelehnt. Der echte Krieg ist schlecht fürs Geschäft; er passt nicht in ein Umfeld, das Anzeigen für Luxusgüter und Lifestyle verkaufen will.
Heute haben Plattformen diese ökonomische Hygiene automatisiert. Das ist keine Dystopie, es ist bereits Realität: Ein historisches Dokument wie Nick Uts "Napalm Girl" wurde auf Facebook bereits mehrfach automatisiert gelöscht. Der Algorithmus sah keine Geschichte, er sah nur "Nacktheit". Er ist blind für den Kontext und filtert den Horror heraus, um die Plattform "sauber" zu halten.
Krieg ohne Konsquenz
Was bedeutet das für uns?
Wir werden auf den sauberen Gaming-Kick konditioniert. Wir kennen das Fadenkreuz, die Beschleunigung der Drohne, den "Hit". Das löst den gleichen Dopamin-Schub aus wie ein Treffer in Call of Duty.
Aber das Resultat – das zerfetzte Fleisch, das Schreien, der unwiderrufliche Tod – bleibt unsichtbar.
Wir konsumieren den technischen Akt der Zerstörung, aber wir werden vor der moralischen Konsequenz bewahrt. Das ist gefährlicher als jede Propaganda zuvor. Wenn der Krieg nur noch als jugendfreier "Content" wahrgenommen wird, sinkt die Hemmschwelle zur Gewalt, weil ihre Folgen im weißen Rauschen verschwinden.
Bei Gardner oder Fenton entsprang die Lüge dem kameratechnischen Unvermögen und dem Wunsch nach Dramatisierung.
Heute entspringt sie dem Zwang zur unbedingten Kommerzialisierung über alle Altersschichten hinweg.
Wir sind visuell näher dran als jeder Soldat im Schützengraben von 1863, und doch ist uns das Grauen fremder denn je. Gardner musste eine Leiche 40 Meter schleppen, um uns zu erschüttern. Heute reicht es, wenn die Verbindung im richtigen Moment abbricht, damit wir den sauberen Kick genießen können, ohne dass wir unser Gewissen hinterfragen müssen.
Da fällt es leicht, neue Feindbilder aufzubauen, wenn die Kosten der Vernichtung unsichtbar bleiben.
Weiterführende Texte
Die Leiche bitte 40m mehr nach rechts, danke Der ursprüngliche Text über Alexander Gardner, Roger Fenton und die Inszenierung in der frühen Kriegsfotografie.
Der Krieg in der Ego-Perspektive Eine Analyse, wie moderne Waffensysteme und Drohnenbilder die Ästhetik von Videospielen übernehmen und den Zuschauer zum virtuellen Täter machen.
Lastwagen in Bergamo Über die ikonische Wirkung der Bilder aus Bergamo und wie sie auf "gespeicherte Bilder" aus Hollywoodfilmen (Outbreak) zurückgreifen.
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