Die Höhle ohne Feuer – Sontag, Fotografie und die Schatten, die sich selbst erzeugen
Kürzlich habe ich „Über Fotografie“ wieder zur Hand genommen. Seit der letzten Lektüre vor ein paar Jahren hat sich die Welt verändert. Sontag endete mit der Warnung vor der Bilderflut – die sich nach ihrem Tod 2004 mit dem Siegeszug des Digitalen zu einem Bilder-Tsunami entwickelte, der inzwischen sowohl im Volumen als auch in seiner Qualität in nie dagewesener Potenz übertroffen wird: Bilder, die gar nicht mehr aus der Welt stammen, sondern aus dem Rauschen auferstehen. Kein Licht, keine Kamera, kein reales Gegenüber - nur Muster, die zu etwas werden, das so aussieht, als hätte es einmal existiert.
Sontag beginnt mit „In Platons Höhle“. Die Gefangenen sitzen mit dem Rücken zum Ausgang und halten die Schatten an der Wand für die Wirklichkeit. Das Feuer dahinter wirft Umrisse von Dingen, die andere vorbeitragen. Fotografie funktioniert für Sontag ähnlich: Sie liefert Schatten von etwas, das wirklich war - oder zumindest vor der Linse stand. Ein Foto ist immer auch Geständnis wie Memento mori: Es war einmal so, so ist es, so ist etwas gewesen. Gleichzeitig ist es eine Lüge, weil es alles weglässt, was nicht ins Bild passt. Wir leben mittlerweile in einer Welt voller solcher Schatten und verwechseln sie ständig mit den Dingen selbst.
Aber was, wenn das Feuer ausgeht? Oder wenn es nie eines gab und die Schatten einfach aus dem Nichts kommen - ohne Träger, ohne Vorlage, ohne je gewesen zu sein? Genau das geschieht mit den neuen Bildern, die nicht mehr aufgenommen, sondern errechnet werden. Sie haben keine eigene Herkunft mehr, keine Identität. Keine Lichtspur, die von einem Körper oder einem Ort stammt. Sie sind Schatten ohne Puppen. Platons Höhle verliert ihre Architektur. Die Gefangenen drehen sich um und sehen nur weitere Schatten, die sich selbst erzeugen. Es gibt kein Draußen mehr, zu dem man fliehen könnte. Die Unterscheidung zwischen Abbild und Urbild löst sich auf - und dies leise, fast beiläufig.
Sontag hat die Fotografie als einen neuen visuellen Code beschrieben. Eine Grammatik des Sehens, die uns beibringt, die Welt in Rahmen zu zerlegen, in entscheidende Momente, in Oberflächen, die etwas verraten oder verstecken. Fotografieren war für sie nie neutral. Es war ein Akt der Aneignung, fast schon ein Raubzug. Die Kamera als Werkzeug, das die Welt einsammelt und dabei verändert. Dieser Code hat uns gelehrt, alles als potenzielles Foto zu betrachten - als etwas, das es wert ist, festgehalten zu werden.
Mit den synthetischen Bildern verändert sich dieser Code grundlegend. Er wird nicht mehr aus der Welt abgelesen, sondern in sie hineinprojiziert. Das Fotogene passiert nicht mehr, es wird beschworen. Man erfindet es. Beliebig viele Varianten, in Sekunden. Der visuelle Code verliert seine Verpflichtung gegenüber dem Realen. Er wird zu einer Sprache der reinen Möglichkeiten. Was früher Beobachtung und Auswahl war, wird zur Schöpfung. Das „Heldentum des Sehens“, von dem Sontag schreibt, mutiert zu etwas anderem: zur Fähigkeit, alles sehen zu können, weil man es sich einfach vorstellen kann.
Das hat Folgen für ihre zentralen Gedanken. Die Sorge um die Bilderflut, die unsere Empathie abstumpft, wird nicht kleiner - sie wird nur diffuser. Ein Foto von Leid konnte uns noch anklagen: Das ist wirklich passiert. Ein errechnetes Bild von Leid kann uns genauso berühren, ohne dass je jemand gelitten hat. Doch selbst wenn das Leid geschehen sein mag: Sobald wir das Synthetische als solches erkennen, dreht sich die Wirkung ins Gegenteil. Wir fühlen uns getäuscht, zweifeln nicht nur am Bild, sondern auch am Geschehen selbst. Der Brunnen ist vergiftet. Das Spiel der Manipulation hat neue Werkzeuge und neue Mechanismen gewonen.
Die Fotografie verliert etwas von ihrer alten Macht, aber auch von ihrer alten Bürde. Der alte Code war noch an die Welt gekettet. Er musste sich an ihr abarbeiten. Der neue Code ist frei. Er kann Welten erzeugen, die es nie gab – und das mit einer Perfektion, die jede echte Aufnahme alt aussehen lässt. Die Realität läuft dem Bild nicht mehr hinterher - sie wird von ihm überholt, bevor sie überhaupt entstehen kann.