Die große Entwertung: Vom Polaroid-Trauma zum Cargo-Kult der KI
Unbekannter Fotograf, Sussex, ca. 1955.
Es gibt eine Fabrik in den Niederlanden, in der die originalen Maschinen von Polaroid stehen. Als das „Impossible Project“ – heute wieder Polaroid – antrat, um den Sofortbildfilm vor dem sicheren Verschwinden zu retten, war eigentlich alles vorhanden: das Werk, die tonnenschwere Hardware, die Patente, kurz gesagt die gesamte industrielle Infrastruktur.
Und doch scheiterte das Projekt jahrelang daran, die Qualität der alten Emulsionen wieder zu erreichen.
Der Grund lag nicht im Mangel an Kapital oder Maschinen, sondern im Verschwinden einer sehr speziellen Form von Wissen. Die alten Chemiker, die wussten, wie die Paste bei einer bestimmten Luftfeuchtigkeit im November riechen muss, waren längst in Rente oder bereits verstorben. Die Maschinen standen noch da, präzise und ungerührt, aber das Entscheidende fehlte: jenes implizite, handwerkliche Erfahrungswissen, das man heute etwas modisch „Tacit Knowledge“ nennt und das sich weder dokumentieren noch einfach reproduzieren lässt.
Auch Millioneninvestitionen konnten es nicht zurückholen.
Vorweg: Das ist kein Lamento über verlorene Zeiten. Fortschritt ist unvermeidlich und oft genug befreiend; kaum jemand dürfte ernsthaft den Wunsch verspüren, zur Zahnmedizin des 19. Jahrhunderts zurückzukehren. Was hier interessiert, ist weniger Nostalgie als die Autopsie eines Prozesses, der immer wieder zu beobachten ist: Wissen verliert seinen Wert, verschwindet – und genau dadurch entsteht Raum für Neues.
Wer weiß heute noch, wie man einen Vergaser nach Gehör einstellt, in einer Welt, in der digitale Direkteinspritzung jede mechanische Feinabstimmung ersetzt hat?
Auch das Navigieren mit Karte und Kompass ist zu einer beinahe antiquarischen Fähigkeit geworden, seit uns Satelliten ohne jede Anstrengung ans Ziel führen. Und Stenografie, einst eine hochgeschätzte Kulturtechnik, ist weitgehend verschwunden, seit Software das gesprochene Wort in Echtzeit transkribiert.
Die Fotografie selbst war einmal ein mächtiger Motor solcher Entwertungen. Als sie im 19. Jahrhundert ihren Siegeszug antrat, machte sie die Porträtmaler überflüssig, die bis dahin das Monopol auf das Abbild des Menschen besessen hatten.
Nun frisst die Revolution ihre eigenen Kinder.
Heute stehen wir vor einer neuen Welle, die vermutlich breiter und schneller sein wird als alles zuvor. Die synthetische Fotografie – kurz: KI – ist dabei nur ein besonders sichtbares Beispiel. Sie arbeitet sich durch das Wissen der Fotografen, ähnlich wie die digitale Fotografie einst das Wissen der Dunkelkammer-Laboranten verdrängte.
Eine gewisse Ironie liegt darin – wer ein wenig Zeit auf Instagram verbringt, kann das leicht beobachten –, jungen Influencern dabei zuzusehen, wie sie mit leuchtenden Augen analoge Banalitäten wiederentdecken. „Guck mal, das Korn!“ Währenddessen verschwindet das tiefere Wissen über Umkehrfilme, das Zonensystem nach Ansel Adams oder die chemischen Feinheiten der Filmentwicklung langsam aus der Praxis.
Doch die KI entwertet radikaler. Sie entwertet nicht nur einzelne Arbeitsschritte, sondern zunehmend auch das Verständnis der physikalischen Grundlagen selbst.
In den Prompt-Eingabezeilen der KI-Bildgeneratoren lässt sich derzeit ein merkwürdiger Cargo-Kult beobachten. Selbsternannte KI-Experten verkaufen Prompts wie digitales Schlangenöl – vollgestopft mit technischem Jargon, dessen ursprüngliche Bedeutung längst verloren gegangen ist. Oder vielleicht nie wirklich verstanden wurde.
Man stößt dann auf Formulierungen wie: „Wide Angle 85mm Portrait, 1.4 aperture, 35mm grain, Medium Format aesthetics.“
Physikalisch betrachtet ist ein „85-mm-Weitwinkel“ natürlich Unsinn – aber das stört im Prompt-Zeitalter niemanden mehr besonders.
Für den Algorithmus – und für viele seiner Bediener – sind solche Begriffe längst keine technischen Parameter mehr, sondern eher Beschwörungsformeln. Man wirft sie in den Topf und hofft, dass das Ergebnis dadurch irgendwie „professionell“ aussieht.
Die Wörter beschreiben keine reale Optik mehr; sie signalisieren nur noch eine Bildästhetik. Die Semantik hat sich von der Physik gelöst. Wer weiß heute noch, was ein Schlanklicht ist – oder wie man eine Lichtkante so setzt, dass sie nicht wirkt wie aus einem Videospiel der frühen 2000er Jahre?
Statt technischer Präzision greifen viele heute zu kulturellen Abkürzungen und prompten schlicht „Rembrandt Lighting“ oder „Chiaroscuro“, oft automatisiert und nicht selten ohne genau zu wissen, welche Lichtführung damit eigentlich gemeint ist. Damit verschiebt sich der Fokus zunehmend vom Wie zum Was. Nicht mehr die Frage, wie ein bestimmtes Licht technisch erzeugt wird oder welche Brennweite dafür notwendig wäre, steht im Zentrum, sondern lediglich das gewünschte Ergebnis: Es soll dramatisch aussehen.
Das klassische Handwerk des Fotografen – die Beherrschung von Blende, Zeit und Licht – verliert damit rasch an Bedeutung und wandert langsam in den Bereich nostalgischer Spezialkenntnisse. Der Fotograf als technischer Operator wird dadurch zunehmend entbehrlich. Der Art Director dagegen, so schien es lange, würde sicher bleiben: derjenige, der nicht unbedingt wissen muss, wie der Vergaser funktioniert, solange er weiß, wohin die Reise gehen soll.
Doch auch diese Sicherheit dürfte nur von kurzer Dauer sein.
Ein Blick in die experimentellen Projekte der Google Labs genügt. Systeme wie „Pomelli“ zeigen bereits, wohin die Reise geht: Man füttert die KI nicht mehr mit ästhetischen Anweisungen, sondern schlicht mit einer URL, aus der das System selbstständig die „Business-DNA“ extrahiert – Schriften, Farben, Bildsprache und Tonalität – und daraus eigenständig neue visuelle Assets generiert, konsistenter „on brand“, als es ein menschliches Team je garantieren könnte.
Die Konsistenz, lange Zeit die letzte Bastion des Art Directors, wird damit zu einer Variablen im Code.
Der Fotograf ist bereits gegangen.
Der Art Director beginnt gerade, seine Koffer zu packen.
Wer jetzt lacht oder sich in Sicherheit wiegt, sollte sich bewusst machen, dass eine Technologie, die mit solcher Leichtigkeit Programmierung, Fotografie und Art Direction zugleich angreift – also sowohl das mathematisch Logische als auch das chaotisch Kreative –, im Prinzip jede Tätigkeit infrage stellen kann.
Und sie wird es versuchen.
Den Dachdecker ebenso wie den Chirurgen, den Busfahrer ebenso wie den Piloten.
Wir werden also lernen müssen, mit Entwertung zu leben. Viel Wahl bleibt ohnehin nicht.
Falls übrigens jemand seinen Vergaser eingestellt haben muss: Ich weiß noch, wie das geht. Wenn Ihr Verbrenner also knallt – melden Sie sich.