Yva und Helmut: Die Brüche der Avantgarde
1932 Jantzen - Yva
Es liegt eine gewisse historische Symmetrie im Kalender der Fotografiegeschichte. Der Januar markiert fast zeitgleich das Ende und den Anfang zweier Biografien, die untrennbar miteinander verwoben sind: Am 23. Januar 2004 verstarb Helmut Newton in Los Angeles. Nur drei Tage später, am 26. Januar, wäre der Geburtstag von Yva (geboren 1900 als Else Neuländer).
Zusätzlich jährt sich in diesem Jahr ein weiteres Datum zum 90. Mal: 1936 begann der junge Helmut Neustädter seine Ausbildung in Yvas Atelier in der Schlüterstraße 45. Es ist ein Anlass, an seinem heutigen Todestag nicht nur des weltberühmten Schülers zu gedenken, sondern den Blick auf jene Frau zu richten, die ihn formte – und auf den radikalen Bruch, der Newtons Werk erst zu dem machte, was es wurde.
1932 - Eine Frau liest Zeitung, Yva.
Als der damals 16-Jährige ihr Atelier betrat, war Yva bereits eine der renommiertesten Fotografinnen der Weimarer Republik. Mit nur 25 Jahren hatte sie ihr erstes Studio gegründet und belieferte Magazine wie den Uhu oder die Berliner Illustrirte Zeitung.
Yva war eine technische Pionierin. Ihre Spezialität waren komplexe Mehrfachbelichtungen und eine surreale, traumhafte Bildsprache, die sie meisterhaft in der Werbefotografie einsetzte. Sie verkörperte den Typus der "Neuen Frau" jener Zeit: berufstätig, wirtschaftlich unabhängig und stilbewusst. Newton lernte hier nicht nur das fotografische Handwerk, sondern fand sich im Zentrum der Berliner Avantgarde wieder.
Der junge Helmut Neustädter, der 1936 zu ihr stieß, brachte denkbar wenig künstlerische Not mit. Er entstammte dem wohlhabenden Schöneberger Großbürgertum; sein Vater war ein erfolgreicher Knopffabrikant. Biografen beschreiben eine Kindheit, die vom Duft von "Chanel No. 5" und der Präsenz von Kindermädchen geprägt war – Frauen, die in seiner Erinnerung eine große Rolle spielten und ihm erste voyeuristische Momente bescherten.
Das Gymnasium verließ er vorzeitig, sein Interesse galt primär dem Schwimmen und den Mädchen. Die Prophezeiung seines Vaters, der Junge werde "im Rinnstein enden", begleitete den Beginn seiner Lehre. Yva war für die Familie Neustädter die Hoffnung, dem orientierungslosen Sohn eine Struktur zu geben. Newton sog in diesen zwei Jahren das technische Fundament auf, das ihn später auszeichnen sollte: den perfekten Einsatz von Kunstlicht und die Inszenierung von Mode als gesellschaftliches Statement.
Während Newton das Handwerk lernte, kämpfte Yva bereits um ihre berufliche Existenz. Um ihr Studio vor dem Zugriff der Nationalsozialisten zu schützen, übergab sie 1936 die offizielle Leitung an ihre Freundin, die Kunsthistorikerin Dr. Charlotte Weidler.
Es war der Versuch, durch Anpassung in der Berliner Gesellschaft zu überleben. Weidler war keine Unbekannte, sondern eine etablierte Expertin und Reisebegleiterin Yvas. Doch die Wahl dieser "Strohfrau" zeigt heute die ganze Tragik der Zeit: Weidler, die Yvas Studio nominell "arisierte", sollte später im Zusammenhang mit Raubkunst (etwa im Fall Paul Westheim) eine äußerst zwielichtige Rolle spielen. Yva baute auf ein Netzwerk, das moralisch bereits erodierte. Yva floh nicht. Sie verblieb in Berlin, vielleicht in der Hoffnung, dass ihre Bekanntheit sie schützen würde. Doch die Realität des Regimes ließ sich durch bürgerliche Beziehungen nicht austricksen.
Für Helmut Neustädter kam das Ende in Berlin mit der Reichspogromnacht 1938. Er floh, erst nach Singapur, dann nach Australien. Hier erfuhr der privilegierte Fabrikantensohn einen sozialen Absturz, der für sein späteres Werk prägend gewesen sein dürfte. Er wurde als "Enemy Alien" interniert und diente ab 1942 in der australischen Armee. Statt Mode zu inszenieren, arbeitete er im Straßenbau, mischte Zement und fuhr Lastwagen.
Dieser Bruch mag erklären, warum Newtons späterer Stil zwar technisch auf Yvas Schule fußt, atmosphärisch aber eine gänzlich andere Sprache spricht. Die verträumte Weichheit von Yvas Bildern wich bei Newton einer skulpturalen Härte und Kühle. Die Jahre im Exil, die körperliche Härte und die Distanz zur verlorenen Heimat haben seinen Blick geschärft und desillusioniert.
Während Newton 1946 die australische Staatsbürgerschaft annahm und als Fotograf neu begann, konnte Yva sich nicht retten. Ihr Versuch der Mimikry scheiterte. Nach Berufsverbot und Zwangsarbeit als Röntgenassistentin im Jüdischen Krankenhaus wurde sie 1942 deportiert und von den Nationalsozialisten ermordet, vermutlich im Vernichtungslager Majdanek.
Wenn wir Newtons Werk betrachten, sehen wir also eine Synthese: Die technische Perfektion und die Eleganz stammen aus der Schlüterstraße. Doch die unnahbare Stärke seiner Frauenfiguren, die oft wie in einer Rüstung wirken, ist vielleicht die Antwort eines Mannes, der gesehen hat, wie zerbrechlich eine zivilisierte Welt sein kann.