Captain O’Keefe und die Acht-Nationen-Koalition: Peking 1900

Truppen der Acht-Nationen-Koalition, aufgenommen von Captain F. O’Keefe, Peking 1900. - U.S. Library of Congress

Der stramme Herr in der Mitte und der dritte von rechts sollten sich nur vierzehn Jahre später im ersten großen Vernichtungskrieg des 20. Jahrhunderts nicht mehr als Verbündete, sondern als Feinde gegenüberstehen – gemeinsam mit dem hier fehlenden Vertreter Russlands. Keine fünf Jahrzehnte danach war von dieser Ordnung kaum mehr etwas übrig. Am Ende des Jahrhunderts blieb der Mann mit den Handschuhen als einziger Vertreter einer Weltmacht zurück.

Das Bild der Acht-Nationen-Koalition in Orwell, Amelia und die Vergänglichkeit großer Mächte hat mich zu einem weiteren Text angeregt – genauer gesagt: zur Recherche seiner Rezeption. Auf einer ganzen Reihe von Webseiten, die diese Fotografie zeigen, bin ich auf Zuschreibungen wie „rassistisch“ oder „rassistische Propaganda“ gestoßen. Die Begründung: Der japanische Soldat sei ganz rechts angeordnet worden, um seine geringere Körpergröße im Vergleich zu den – ganz links stehenden – Engländern und Amerikanern zu betonen.

Diese Lesart ist gleich in mehrfacher Hinsicht unsinnig. Zunächst historisch: Die Bildkomposition folgt keinem ideologischen Programm, sondern einer zeittypischen Ordnung dokumentierender Militärfotografie. Die sogenannte „Orgelpfeifen“-Anordnung – groß nach klein – war um 1900 gängige Praxis und keineswegs Ausdruck subtiler Hierarchisierung entlang ethnischer Linien.

Captain F. O’Keefe, Peking 1900. - U.S. Library of Congress

Hinzu kommt ein bildästhetischer Einwand. Am selben Tag und Ort entstand mindestens eine weitere Aufnahme, die dieselben Soldaten in Feuerlinie zeigt – die vordere Reihe kniend, die hintere stehend, alle mit angelegtem Gewehr. Hinter der Formation befinden sich zwei Kavalleristen, ein Engländer und ein Inder, leicht bewegungsunscharf. In dieser Aufnahme ist Frankreich überrepräsentiert: Marineinfanterie, Kolonialtruppen und Zuaven (1) dominieren das Bild, vermutlich schlicht deshalb, weil mehr französische Soldaten verfügbar waren. Die zahlreichen Zuschauer mit charakteristischer Kopfbedeckung lassen daran wenig Zweifel.

Diese Fotografie wurde – trotz deutlicher Retuschen zur Kaschierung der Bewegungsunschärfe der Reiter – in Deutschland als Postkarte vertrieben. Offenbar völlig unbeeindruckt von der starken Präsenz des damaligen „Erbfeindes“ jenseits des Rheins. Auch hier verliert das Argument vom „kleinen Japaner als nützlichem Helfer weißer Kolonialmächte“ weiter an Gewicht: Der japanische Soldat ist kniend dargestellt – seine Körpergröße also bildlogisch irrelevant.

Die ursprüngliche Fotografie zeigt, von links nach rechts: einen englischen und einen amerikanischen Offizier; einen australischen Infanteristen; einen indischen Kavalleristen; einen deutschen Infanteristen mit Schützenkordel in noch preußischblauer Uniform; einen Marinesoldaten Österreich-Ungarns; einen italienischen Bersagliere – und schließlich einen Soldaten der japanischen Infanterie.

Der Fotograf der Aufnahme, Captain Cornelius Francis O’Keefe (2) von der 36th U.S. Volunteer Infantry, begleitete die amerikanische Expedition unter Generalmajor Adna Chaffee nach China. O’Keefe war kein zufälliger Augenzeuge, sondern professionell geschulter Militärfotograf: Bereits vor dem Boxeraufstand hatte er für das Ingenieurkorps in Manila gearbeitet und fotografische Dokumentationen angefertigt.

Während des Feldzugs bewegte er sich mit Kamera und Begleittrupp zwischen Front- und Rückräumen der Expedition. Dabei nutzte er den engen Kontakt zu internationalen Truppen, die durchaus künftige Gegner sein konnten, um Uniformen, Ausrüstung und Körperhaltungen systematisch festzuhalten. Seine Fotografien zeigen weniger den Gestus der Propaganda als den Impuls der Erfassung.

Französische Zuaven (1) - Captain F. O’Keefe, Peking 1900. - U.S. Library of Congress

Neben situativen Aufnahmen – Patrouillen, Stellungen, Bewegungen – entsteht so eine beinahe katalogische Bildsprache. Unterschiedliche Uniformen, unterschiedliche militärische Kulturen, visuell vergleichbar gemacht. Rückblickend wirken diese Serien fast wie eine unfreiwillige Typologie militärischer Präsenz – nüchtern, seriell, ordnend. Der Vergleich mit der späteren Arbeit von Bernd und Hilla Becher drängt sich weniger formal als methodisch auf.

Die häufig bemühte Lesart einer bewusst „rassistischen“ Bildkomposition verkennt genau diesen dokumentarischen Gestus. Ordnung dient hier der Übersicht, nicht der Ideologie. Größe, Haltung und Uniform sind formale Parameter – keine politischen Codes.

Der größere historische Kontext macht viele der heutigen Projektionen vollends haltlos. China befand sich seit den Opiumkriegen und spätestens seit dem Boxeraufstand in einer Phase massiver politischer und militärischer Schwäche. Japan hingegen hatte sich bereits im Ersten Japanisch-Chinesischen Krieg (1894–1895) als eigenständige imperiale Macht etabliert – modernisiert, industrialisiert und militärisch hoch effizient.

Japanische Infanterie - Captain F. O’Keefe, Peking 1900. - U.S. Library of Congress

Japan trat hier nicht als „nützlicher Idiot“ einer ausschließlich weißen Kolonialideologie auf, sondern als eigenständiger Akteur mit klaren machtpolitischen Interessen. Wer in der Darstellung des japanischen Soldaten primär ein rassistisches Narrativ erkennen will, projiziert rückwirkend eine Ideologie, die der historischen Realität nicht standhält.

Nur wenige Jahre später sollte Japan Russland im Russisch-Japanischen Krieg (1904–1905) in dramatisch kurzer Zeit besiegen – das erste Mal, dass eine asiatische Macht eine europäische Großmacht in einem modernen Krieg schlug. Kein Randereignis, sondern ein Menetekel des 20. Jahrhunderts.

Auch ein Blick auf die tatsächlichen Truppenstärken relativiert viele Deutungen. Russland stellte nach Japan das zweitgrößte Kontingent der Entsatztruppen – ist auf der bekannten Fotografie jedoch nicht vertreten. Nicht aus propagandistischen Gründen, sondern aus schlichter fotografischer Realität: Fotografie ist immer auch Produkt von Zufällen, von Verfügbarkeit, von Anwesenheit.

Großbritannien wiederum war strategisch überdehnt. Der Burenkrieg band erhebliche Kräfte, weshalb das Empire auf australische und indische Truppen zurückgriff – ein Umstand, der auf dem Bild sichtbar wird, ohne ideologisch gemeint zu sein.

Dass ausgerechnet dieses Arrangement heute als rassistische Chiffre gelesen wird, sagt daher weniger über das Jahr 1900 als über unsere Gegenwart. Die Fotografie zeigt keine Ideologie, sondern einen historischen Moment kurz vor der tektonischen Verschiebung globaler Machtverhältnisse.

Rassismus? Mitnichten. Zeitgeschichte? Unbedingt.

Denn es waren japanische Truppen – mit nur minimaler britischer Beteiligung –, die 1914 die deutsche Kolonialgeschichte in China beendeten und die Pachtkolonie Tsingtau einnahmen. Eine Kolonie, der Deutschland heute nur wenige Architekturfragmente und das Bier hinterlassen hat – und die im direkten Vergleich mittlerweile deutlich moderner wirkt als der ehemalige Kolonialherr.

Wer in diesem Bild dennoch vor allem eine rassistische Erzählung erkennen will, betreibt weniger historische Analyse als gegenwartsbezogene Selbstvergewisserung. Die Fotografie wird so nicht gelesen, sondern umcodiert: als Projektionsfläche einer Theorie, die Hierarchien lieber entdeckt als erklärt – und Machtverhältnisse lieber moralisch sortiert als historisch versteht.

Das sagt viel über unsere Zeit. Über das Jahr 1900 sagt es nichts.


1) Die Zuaven waren ursprünglich leichte Infanterieeinheiten der französischen Armee und entstanden während der Eroberung Algeriens in den 1830er‑Jahren als Truppen, die nach dem Berberstamm der Zouaoua benannt wurden. Sie zeichneten sich durch auffällige nordafrikanisch inspirierte Uniformen aus – kurze Jacken, weite Hosen und Fez‑Kopfbedeckung – und galten als Elite‑Infanterie im französischen Heer.

Der Einfluss dieser französischen Zuaven war so stark, dass während des Amerikanischen Bürgerkriegs (1861–1865) zahlreiche Freiwilligen‑Regimenter in der Union und der Konföderation eigene „Zouave“‑Einheiten formierten, die nicht nur die Uniform, sondern auch drill‑ und taktische Elemente übernahmen.

2) Die Informationen zu Captain F. O’Keefe stammen im Wesentlichen von Christoph Egers laststandonzombieisland.com. Eine Gegenrecherche hat – trotz der irritierenden URL – keine gegenteiligen Angaben ergeben. O’Keefe verstarb 1939.



















Weiter
Weiter

Orwell, Amelia und die Vergänglichkeit großer Mächte