Orwell, Amelia und die Vergänglichkeit großer Mächte
1984 (1984) - Filmszene, Screenshot, Mediale Prägung
Amelia - die gekaperte Kunstfigur - ist kein Skandal, sondern ein Symptom. Sie hält einem Staat den Spiegel vor, der vergessen hat, woraus seine eigene Stabilität einst erwuchs: aus freier Rede, aus offener Auseinandersetzung – und aus der Bereitschaft, Dissens nicht zu verwalten, sondern auszuhalten.
George Orwell tat genau das nach dem Zweiten Weltkrieg. 1984 und Animal Farm waren keine rückblickenden Abrechnungen mit dem Nationalsozialismus – der war für Orwell 1945 erledigt –, sondern Warnungen vor der Zukunft seines eigenen Landes. Beide Bücher entstanden aus der Sorge, Großbritannien könne nach dem Krieg in einen moralisch legitimierten, aber strukturell autoritären Sozialismus abrutschen. Freie Rede (1984) und freier Markt (Animal Farm) erscheinen bei Orwell nicht als Ideologie, sondern als Überlebensbedingungen offener Gesellschaften. Friedrich August von Hayeks Der Weg zur Knechtschaft formulierte dieselbe Angst zeitgleich, nur ökonomisch präziser.
Dass Orwells Dystopien heute oft mit nationalsozialistischer Ästhetik gelesen werden, ist weniger historischer Einsicht geschuldet als medialer Prägung. Uniformen, Monumentalbauten, Symbolik – das Bildrepertoire des Totalitären wird visuell aus dem Nationalsozialismus gespeist, obwohl Orwells Zielscheibe ein anderes System war: der allumfassende, moralisch begründete Verwaltungsstaat.
Saunders Roe Princess 1953 (RuthAS, CC BY 3.0)
Großbritannien hatte nach 1945 reale Gründe für diese Angst. Das Empire war faktisch verloren, der privilegierte Zugriff auf Weltmärkte beendet, die Goldreserven durch Lend-Lease in die USA abgewandert. Das Land rettete sich in einen dirigistischen Kommissionskapitalismus, der mittelfristig katastrophale Folgen hatte – insbesondere für das produzierende Gewerbe. Die britische Automobilindustrie ist nur das bekannteste Beispiel. Ressourcen wurden nicht durch Marktfeedback, sondern durch Gremienentscheidungen gelenkt. Technisch brillante, ökonomisch sinnlose Projekte wie die Saunders-Roe SR.45 Princess stehen sinnbildlich für diese Fehlsteuerung – während Boeing in den USA zur selben Zeit sagte: hold my beer – und die 707 baute.
Währenddessen erlebte das zerstörte, geteilte Deutschland – paradoxerweise – einen Aufstieg. Trotz Gebietsverlusten verfügte es über drei entscheidende Faktoren: Bildung, Energie (Kohle) und privilegierter Zugang zum größten europäischen Absatzmarkt. Nach einer Anschubfinanzierung entstand im freien Teil Deutschlands das, was später Wirtschaftswunder genannt wurde. Freiheit, Recht und Einigkeit trafen auf strukturell günstige Voraussetzungen – allen geistigen wie physischen Zerstörungen zum Trotz.
Und dennoch blieb Großbritannien lange ein Vorbild – zumindest kulturell. In Fragen der freien Rede, des Spotts, der institutionell erlaubten Respektlosigkeit. Die BBC, aber auch Monty Python, Spitting Image: politische Satire als Ventil und als Stabilitätsfaktor. Formate, die in Deutschland nie denkbar waren, weil sie Autorität nicht karikierten, sondern entzauberten.
Dass ausgerechnet Großbritannien heute mit administrativer Nervosität auf digitalen Spott reagiert, markiert mehr als einen Kommunikationsfehler. Es verweist auf den schleichenden Verlust jener Selbstsicherheit, die offene Gesellschaften tragen müssen, wenn sie nicht in Kontrolle ausweichen wollen.
Truppen der Acht-Nationen-Koalition, aufgenommen von Captain F. O’Keefe, Peking 1900 (v.r.n.l.:UK, USA, AUS, IND, GER, FRA, Ö-U, ITA, JPN).
Der stramme Herr in der Mitte und der dritte von rechts sollten sich nur vierzehn Jahre später im ersten großen Vernichtungskrieg des 20. Jahrhunderts den anderen Herren nicht mehr als Verbündete, sondern als Feinde gegenüberstehen – gemeinsam mit dem hier fehlenden Vertreter Russlands. Keine fünf Jahrzehnte danach war von dieser Ordnung kaum mehr etwas übrig. Am Ende des Jahrhunderts blieb der Mann mit den Handschuhen als einziger Vertreter einer Weltmacht zurück.
Große Mächte verschwinden selten spektakulär. Sie erodieren – erst ökonomisch, dann kulturell, schließlich mental. Wir haben den Fall alter Imperien erlebt und den Aufstieg Chinas beobachtet. Es wäre vermessen zu glauben, die eigene Zivilisation sei gegen diesen schleichenden Verfall immun. Ohne individuelle Freiheit, Recht und Einigkeit werden sie zur bloßen Verwaltungsmasse. Es steht zudem zu vermuten, dass überall dort, wo Bildung, Märkte oder der Zugang zu Energie geschwächt werden, in der Folge auch Freiheit, Recht und Einigkeit unter Druck geraten.
Amelia ist daher kein britisches Kuriosum.
Sie ist ein Symptom weiter Teile Europas.
Und Deutschland ist nicht nur geografisch mittendrin.
Captain O’Keefe und die Acht-Nationen-Koalition: Peking 1900
Captain O’Keefe dokumentierte 1900 die Acht-Nationen-Koalition in Peking – nüchtern, militärisch und, trotz heutiger Fehlinterpretationen, ohne rassistische Intention. Ein historischer Moment globaler Machtverschiebung.
Die Gamifizierung des Verrats: Amelia und die Asymmetrie der Bilder
Amelia - ein lilahaariges Goth-Mädchen, ein staatlich finanziertes Lernspiel und eine Öffentlichkeit, die beschließt, beides nicht ernst zu nehmen. Der moderne Staat scheitert nicht an Extremisten. Er scheitert an Ironie.
Die Fotografie ist ein besonders charmanter Lügner, dem man gern auch groteske Retuschen abkauft. In ihren Anfängen war die Fotografie da deutlich bescheidener - und robuster. Ein kleiner Ausflug in die Anfänge der Bildmanipulation.