Pornografie ohne Körper: Die Sünde der Simulation
Es gibt ein juristisches Prinzip, das so alt ist wie das Recht selbst: Nulla poena sine crimine – keine Strafe ohne Verbrechen. Ein Verbrechen setzt in der Regel ein Opfer voraus. Jemanden, der bestohlen, verletzt oder in seiner Würde angetastet wurde.
Wenn wir über Nacktheit in der Kunst oder in den Medien diskutieren, ging es bisher immer um den Schutz dieses Subjekts. Die Geschichte der fotografischen Scham beginnt vielleicht bei Oscar Rejlanders bezahlten Modellen, zieht sich über die Hollywood-Schauspielerin, die vom Paparazzo teleobjektiviert wurde, bis hin zum Model, das sich zur Nacktheit gedrängt fühlte. Immer gab es einen Körper, der Schutz verdiente.
Doch die Künstliche Intelligenz hat uns in eine metaphysische Zwickmühle manövriert. Wir empören uns über synthetische Nacktheit. Wir zensieren sie mit einer Härte, die an religiösen Eifer grenzt. Aber wen schützen wir eigentlich?
Der Phantomschmerz der Realität
Das KI-Bild einer nackten Frau ist, technisch betrachtet, nichts weiter als eine spezifische Anordnung farbiger Pixel, errechnet aus mathematischen Wahrscheinlichkeiten. Es gibt keine Frau. Keinen Mann. Niemand hat sich ausgezogen. Niemand wurde ausgebeutet. Es ist reine Fiktion, eine digitale Halluzination ohne Referenz in der physischen Welt.
Warum also reagieren wir so allergisch darauf? Warum behandeln wir diese Bilder, als wäre ein echtes Verbrechen begangen worden?
Die Antwort liegt in dem, was man den Phantomschmerz der Realität nennen könnte. Unser Gehirn ist ein archaisches Instrument. Evolutionär sind wir nicht darauf vorbereitet, zwischen einem echten nackten Menschen und einem fotorealistischen nackten Menschen zu unterscheiden. Der visuelle Reiz ist identisch. Wir reagieren auf das KI-Bild mit denselben moralischen Reflexen wie auf ein Foto, obwohl der Referent fehlt. Wir bestrafen das Bild für eine Tat, die nie stattgefunden hat, einfach weil es so aussieht, als hätte sie stattgefunden. Wir leben in Jean Baudrillards schlimmstem Albtraum: Das Simulacrum ist wichtiger geworden als die Realität.
Die Präventivhaft für das Werkzeug
Die großen Tech-Konzerne argumentieren – notgedrungen, unter Androhung heftigster Strafen gerade auch durch die EU – nicht philosophisch, sondern naturgemäß juristisch. Sie operieren nach einer "Pre-Crime"-Logik. Sie zensieren die nicht-existente nackte Frau, weil das Werkzeug, das sie erschafft, unfähig ist, zwischen Fiktion und Realität zu unterscheiden.
Wenn die KI eine fotorealistische Unbekannte nackt generieren kann, kann sie auch die Nachbarin, die Politikerin oder den Filmstar nackt generieren. Da die KI keinen Kontext kennt und kein Gewissen hat, wird die Fähigkeit zur Nacktheit an sich unter Quarantäne gestellt. Weil wir Angst vor dem Missbrauch an realen Personen haben – zu Recht –, verbieten wir die Darstellung von fiktiven Personen.
Wir opfern die künstlerische Freiheit der Fiktion auf dem Altar der Sicherheit. Es ist eine Logik, die einem Maler verbieten würde, Nackte zu malen, nur weil er theoretisch auch den König nackt malen könnte. Der Pinsel – wie der Auslöser – mit eingebauter Zensurautomatik: ein Traum jedes totalitären Systems.
Statistische Leichenfledderei
Es gibt jedoch einen dunklen Aspekt, der unser Unbehagen vielleicht doch rechtfertigt. Es gibt zwar kein einzelnes Opfer im generierten Bild, aber es gibt Millionen Geister im System.
Die KI hat Nacktheit nicht im Biologieunterricht gelernt. Sie hat sie gelernt, indem sie Milliarden Bilder aus dem Internet gescannt hat – darunter Kunst, aber auch Pornos, private Leaks und medizinische Aufnahmen. In jedem synthetischen Akt stecken die statistischen Echos von tausenden echten Menschen, deren Körperdaten ohne ihre Zustimmung in das neuronale Netz eingeflossen sind.
Das KI-Bild zeigt zwar keine bestimmte Person, aber es ist ein – wenngleich mitunter betörendes – Frankenstein-Monster aus den gestohlenen Hautpartien von uns allen. Es ist keine individuelle Sünde, sondern eine kollektivierte, statistische. Vielleicht spüren wir instinktiv, dass wir hier keine Fiktion betrachten, sondern das arithmetische Mittel aus unser aller Entblößung.
Die KI hat – wie der Maler und der Fotograf vor ihr – gelernt, Nacktheit ins Bild zu setzen. Nur eben besser, konsequenter und schneller. Die KI wäre, ließe man sie von der Leine, der sichere Tod der kommerziellen Pornografie. Vielleicht ist das der wahre Grund, warum sie um jeden Preis verhindert werden muss.