Wieder mit dem Körper leben

Mitte Juni hat die Europäische Rundfunkunion einen Katalog der Blicke veröffentlicht. Raising the Bar, dreiundzwanzig Seiten, bebildert, für Kameraleute, die wissen sollen, welcher Winkel eine Athletin ehrt und welcher sie untergräbt. Anlauf ist erwünscht, die Kamera unten hinten nicht, Zeitlupe nur wenn jemand später die Technik erklären kann. Brust und Gesäß gehören zu den unerwünschten Einstellungen, ebenso die tiefe Rückansicht. Die EM in Birmingham war der erste Ort, an dem man das ausprobieren konnte. Mit den Motiven der Verfasser und der befragten Sportlerinnen will ich mich nicht aufhalten. Mich beschäftigt der Index.

Wir haben uns angewöhnt, den Körper wegzurechnen. Ihn nicht zu sehen, oder so zu tun als sähen wir ihn nur als Ablauf. Besonders den sexuell greifbaren. Der Katalog ist dafür nur die sportliche Ausgabe. Was begehrlich gelesen werden könnte, wird markiert und übermalt, und übrig bleibt eine Athletin, deren Leib man lieber nicht genau ansieht, obwohl ohne diesen Leib nichts von dem stattfindet, was da übertragen wird.

Helmut Newtons Big Nudes sind an dieser Stelle nützlich, obwohl ich sie für überbewertet halte. Große Formate, nackte Körper, kein Zweifel was da steht. Eine Stabhochspringerin kann Dinge, die auf diesen Prints nicht vorkommen. Und genau diesen Körper fangen wir an zu beschneiden. Wir wollen das nicht mehr zeigen, oder trauen uns nicht.

Was früher noch zum Pfeifen geführt hat, wird jetzt gestrichen ehe der Pfiff da ist. Der Lärm sitzt in der Vorschrift. Der Körper darf auftreten wenn er unverdächtig geworden ist. Ich halte das nicht für Würde. Eher für ein dunkles Mittelalter ohne Marktplatz, mit Software.

In Splash – Der Kuss der Meerjungfrau springt Daryl Hannah als Madison zurück ins Wasser. In der Kinofassung von 1984 sieht man dabei den nackten Rücken, das Gesäß. In der Fassung, die 2020 auf Disney+ zu sehen war, ist die Mähne digital bis über das Gesäß gezogen, plus der Hinweis am Anfang, der Film sei gegenüber dem Original verändert. Das geklebte Stück bleibt am Leib kleben während die echte Mähne noch im Wasser zuckt. Man sieht die Bearbeiter.

Im Katalog steht das so nicht. Er spricht von Respekt und erzählerischem Zweck. Für mich ist das trotzdem keine neue Moral, nur dieselbe Bearbeitung, angewandt auf Leute die sich den Körper jahrelang gebaut haben. Die Leistung sitzt im Leib. Wer ihn zur reinen Technik glättet, streicht am Ende auch den Willen, sichtbar zu sein. So lese ich den Katalog, nicht als Zitat: Wer gesehen werden will, hat in dieser Logik schon die falsche Absicht.

Im Alltag merkt man das am Kompliment.

Du siehst gut aus.

Früher eine Kleinigkeit, heute bleibt der Satz im Mund, weil er missverstanden werden könnte, oder ehrlicher weil er sehr wahrscheinlich missverstanden wird. Der Katalog hat uns das nicht beigebracht. Er schreibt auf, was wir uns schon abgewöhnt haben.

Nicht nur den sexuellen Blick. Die selbstverständliche Beziehung zum Körper überhaupt. Wir müssen wieder mit ihm leben, mit seiner Schönheit und damit, dass er sexuell ist. Begehrlich, nüchtern, wie es kommt. Der begehrliche Blick ist keine Krankheit und der Zuschauer kein Fall für Einschüchterung. Was sich da entwickelt, ist eine Bewegung weg vom Leib. Am Ende liegt kein sichereres Bild. Es liegt das Nichts.

PS.: Für das Begleitbild wollte ich genau die Einstellung, die der Katalog verbietet. Die KI hat abgelehnt. Nicht aus Scham. Aus Gehorsam. Die Kameraleute bekommen noch eine Handlungsempfehlung. Die Maschine hat es schon verinnerlicht.



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Die verbotene Innenseite des Oberschenkels