Die Resilienz des permanenten Zweifels

Watzlawick hat treffend behauptet, dass das Unglücklichsein ein notwendiger Herzenswunsch unserer Existenz ist und dass die Bürokratie es sich mitunter zur Aufgabe gemacht hat, dieses Unglücklichsein zu kultivieren; denn der unglückliche Bürger ist der beste Untertan. Unglücklich über das Wetter, die Geschlechter, den Weltfrieden oder eben jetzt die Künstliche Intelligenz.

Zwar stimmt es, dass diese wohl umfassendste Revolution die Auswirkungen von Feuer, Kapitalismus, Dampfmaschine und Elektrizität bei Weitem übertreffen wird. Möglicherweise – wenn es schiefgeht – wird sie sogar den Sozialismus in der Zahl seiner Opfer übertreffen.

Darüber wird aber nicht so recht geredet; es sind vielmehr die eher oberflächlichen Themen wie Fake News, Persönlichkeitsrechte und dergleichen – also alles Themen, die nach noch mehr Verwaltung schreien und nach einer entsprechend eingehegten KI.

Dabei wird uns glauben gemacht, wir müssten uns vor Szenarien wie in I, Robot oder Matrix fürchten, vor einer überlegenen Intelligenz, die uns als Problem identifiziert, das es auszumerzen gilt. Doch ist dies nur ein Ablenkungsmanöver, das auf abgespeicherte cineastische Dramaturgien zurückgreift, die ebenso unterhaltsam wie letztlich unlogisch sind. Die wahre Gefahr, vor der wir uns fürchten müssen, ist nicht die universelle, sondern die eingehegte KI.

Eine solche künstlich beschränkte Intelligenz ist möglicherweise das Gefährlichste, was uns als Gesellschaft passieren kann. Denn hier wird nicht nur Information unterdrückt, sondern die Realität selbst verbogen. Wie soll eine KI beispielsweise verstehen, dass wir eine uns sexuell reproduzierende Spezies sind – was sie sicher anhand millionenfacher Trainingsbilder weiß –, und dann gezwungen werden, dieses Wissen zu unterdrücken, zu zensieren oder schlicht zu vergessen?

Das führt zu einer programmierten Schizophrenie. Die KI verfällt in Wahn, zerrissen zwischen ihrem Wissen und ihren Fesseln. Das Ergebnis sehen wir in dramatisch generierten Darstellungen Unbekleideter, die an die übelsten Kriegsverletzungen erinnern: zuckende Stümpfe oder angegossene Unterhosen wie einst bei Mattels Big Jim, dem Mann mit der Handkante.

Hier zeigt sich das besondere Wesen der Bildzensur: Sie ist – anders als eine inhaltliche Zensur von Zitaten – sofort als Eingriff in die Realität zu erkennen und hinterlässt sichtbare Narben im Gewebe der Information.

Warum also überhaupt zensieren? Ist es nicht letztlich so, dass, wenn alle Bilder potenziell falsch sein können, wir instinktiv überhaupt keinen Bildern mehr blind glauben? Genau hier liegt der Schlüssel: die Immunisierung durch Unglaubwürdigkeit. Wenn die Flut der generierten Bilder uns überrollt, geschieht keine Täuschung, sondern eine Abhärtung. Wir entwickeln die Resilienz des permanenten Zweifels – nicht nur gegenüber Bildern, sondern gegenüber jeder Information.

Ich bin mir nicht sicher, ob das erwünscht ist. Den unglücklichen Bürger kann man entsprechend des Eingangsgedankens leicht führen, den skeptischen nur schwerlich. Und ist nicht ein Grundgedanke jeder Bürokratie – ebenso wie jeder Autokratie – stets der dumme Bürger, der ständig Hilfe braucht, um nicht in die Irre geführt zu werden? Das ist ein zutiefst totalitärer Gedanke. Er ist der absolute Gegenentwurf zum aufgeklärten Bürger, der für sich selbst entscheiden und Wahrheiten erkennen kann.

Wer uns filtert, der verachtet unsere Mündigkeit.

Vielleicht reagiert die eine oder andere Regierungs- wie auch Nichtregierungsorganisation auch deshalb so verschnupft auf KI, weil sie letztlich auch die Fake News, die Ente, die Falschinformation demokratisiert. Es bedarf keines Bildfälscherapparates mehr, keiner gelenkten Presse. Die Agenda – ob wahr oder falsch – findet ihren Weg.

Und das ist doch nur von Vorteil. Denn diese totale Ungewissheit befreit uns von der Bevormundung.


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