Die Aufmerksamkeitsökonomie der Angst

Outbreak Szenario, Dystopie - Aufmerksamkeitsökonomie Social Media – Angstökonomie digitale Medien 2026

Bamberg, im Juni 1628. In einer feuchten Zelle kritzelt Johannes Junius, der Bürgermeister der Stadt, einen letzten Brief an seine Tochter. Seine Hände sind von der Folter so zertrümmert, dass er die Feder kaum noch führen kann. Er schreibt: „Meine liebe Tochter, wer in dieses Haus kommt, muss ein Hexer werden oder er wird so lange gefoltert, bis er sich etwas ausdenkt, was den Herren gefällt.“

Junius gesteht schließlich, was die Inquisitoren hören wollen: Er sei auf einem schwarzen Tier zum Hexensabbat geritten. Warum dieses spezifische Detail? Weil es das Bild war, das seine Peiniger im Kopf hatten – geprägt von den Flugblättern und Holzschnitten ihrer Zeit. Das Bild diktierte die Realität. Dieser Moment – wenn eine fabrizierte, bildhafte Horrorvorstellung die Wahrheit überschreibt – ist kein Relikt aus dem Mittelalter. Es ist das Urmeter unserer modernen Aufmerksamkeitsökonomie. Das Drehbuch hat sich nicht geändert, nur die Kulissen. Das Instrument der Macht ist nicht die Gefahr selbst, sondern ihre Inszenierung. Es ist die Architektur der Angst.

Angst braucht ein Bild, um viral zu gehen. Schon die Hexenverfolgung war kein rein religiöses Phänomen, sie war ein mediales. Der Buchdruck und die Verbreitung von Holzschnitten wirkten als Katalysator. Gerade bei den belesenen Eliten legitimierten Schriften den Wahn, während die massenhafte Verbreitung von Bildern für eine fatale Standardisierung der Angst sorgte. Diese frühen "Memes" zeigten das Unvorstellbare: Frauen, die auf Besen reiten, den Teufel küssen, Kinder kochen. Das Bild war sexuell aufgeladen, ekelerregend und faszinierend zugleich.

Das Perfide daran war der Zirkelschluss der Bestätigung, dem auch Johannes Junius zum Opfer fiel: Die Inquisitoren glaubten an die Bilder, die sie selbst verbreiteten. Wenn ein Opfer unter der Folter genau das gestand, was auf dem Flugblatt zu sehen war, galt dies als perfekter Beweis. Das Bild schuf die Realität, das Geständnis bestätigte das Bild. Ein geschlossener Kreislauf des Wahns, gegen den die Vernunft keine Chance hatte.

War es im 17. Jahrhundert noch die Symbiose aus Kanzel und neuem Druckmedium, die den Boden für die Hysterie bereitete, reichten in der Moderne die Massenmedien allein. Als sich 1910 der Halley'sche Komet der Erde näherte, vermaß die Wissenschaft den Himmelskörper spektroskopisch und fand Spuren von Blausäure (Zyanid) im Schweif. Der prominente französische Astronom Camille Flammarion spekulierte öffentlich, das Gas könne die Atmosphäre vergiften und alles Leben auslöschen. Die Zeitungen griffen dankbar zu. Statt die wissenschaftliche Einordnung zu drucken – nämlich dass das Gas im Vakuum verschwindend gering konzentriert ist –, verkauften sie das Bild der "giftigen Wolke". Die Folgen waren grotesk: In Chicago verstopften Menschen ihre Schlüssellöcher, um das Gas draußen zu halten. Scharlatane machten ein Vermögen mit "Kometen-Pillen" und Gasmasken. Es gab Berichte über "Kometen-Partys", die als Henkersmahlzeiten gedacht waren. Die bildhafte Vorstellung des Erstickens war stärker als jedes physikalische Argument. Die Angst hatte das Denken gefressen.

In unserer jüngsten Vergangenheit war es wieder eine einzige bildhafte Erinnerung, die als Zitat fungierte und jede Debatte beendete: Die Militärlaster von Bergamo. Die Wirkmacht dieses Bildes speiste sich nicht nur aus dem, was wir sahen – dunkle Straßen, Scheinwerferkegel, endlose Reihen –, sondern aus dem, was wir fühlten, was wir zu sehen glaubten. Es wirkte seltsam vertraut. Warum? Weil es auf unsere kulturelle Festplatte zugriff. Wir kennen diese Ästhetik exakt aus Katastrophenfilmen, aus Szenen wie in Wolfgang Petersens Outbreak. Das Bild griff auf bereits gespeicherte Szenarien in unseren Köpfen zurück und aktivierte sie. Es bestätigte eine filmische Fiktion als Realität. In dem Moment, als dieses Bild zur Ikone wurde, starb der rationale Diskurs. Es fungierte als emotionaler Hammer, als unanfechtbare visuelle Evidenz. Wer Maßnahmen hinterfragte, sah sich mit der moralischen Totschlag-Frage konfrontiert: "Willst du solche Bilder auch bei uns?" Das Bild war kein Argument. Es war ein Angstverstärker und Befehl zugleich – ein Bild, dessen Kontext bis heute in der breiten Öffentlichkeit kaum korrigiert wurde.

Und heute? Heute wird uns Angst vor der Künstlichen Intelligenz gemacht. Doch hier fehlen (noch) die physischen Bilder der Zerstörung. Stattdessen greift die Angstmaschine auf unsere tiefsten mythologischen Urängste zurück. Wenn Warnungen vor der "Auslöschung der Menschheit" durch KI laut werden, hören wir nicht auf nüchterne Datenanalysen. Wir denken an den Terminator. Wir denken an den Golem oder den Zauberlehrling – die uralte Furcht vor dem Geschöpf, das sich gegen seinen Schöpfer wendet ("Die Geister, die ich rief").

Diese Dystopien werden genutzt, um Stimmung zu machen. Sie lenken den Blick auf ein futuristisches Schreckgespenst und verdecken dabei die realen, viel profaneren Gefahren: die Machtkonzentration bei wenigen, die Möglichkeit der flächendeckenden Manipulation auf Knopfdruck und den Verlust unseres bibliothekarischen Gedächtnisses. Wir sollen Angst vor der Machtübernahme durch Roboter haben, während wir uns vor der Übernahme der KI durch die Macht viel mehr fürchten sollten.

Angst ist die Leitwährung der modernen Aufmerksamkeitsökonomie. Sie wird emittiert, gehandelt und investiert, um Gehorsam oder Konsum zu erzwingen. Dabei gilt das Paradox der Passgenauigkeit: Je friktionsloser sich ein Bild in unsere eigenen Ängste fügt, desto wahrscheinlicher liegt eine Manipulationsabsicht vor. Natürlich haben Bilder eine Warnfunktion – wenn es brennt, ist die Flucht die rationale Reaktion, nicht die Produktion von Content für X. Doch grundsätzlich gilt für Propaganda jeder Couleur: Wenn es sich unzweifelhaft „richtig“ und „einfach“ anfühlt, ist die Realität dahinter fast immer komplexer.

Perfekte Propaganda wirkt nicht wie eine Lüge. Sie wirkt wie die erlösende Bestätigung unserer schlimmsten Befürchtungen: Hexen reiten zum Sabbat. Der Komet wird uns alle töten. In Bergamo sterben sie wie die Fliegen. Die Künstliche Intelligenz ist unser Ende. Die einzige Immunisierung gegen diese Überwältigung ist der radikale, fast stoische Zweifel. Wir müssen lernen, das Bild vom Inhalt zu sezieren. Wenn ein Narrativ uns emotional packt, wenn die Panik aufsteigt, ist Innehalten Pflicht. Erinnert mich das an ein Drehbuch? Wird hier eine reale Gefahr beschrieben oder ein alter Mythos neu inszeniert? In Zeiten der algorithmischen Erregung ist Skepsis kein Zynismus. Sie ist ein Akt der geistigen Hygiene. Sie ist der Sicherheitsgurt in einer Informationswelt, die darauf ausgelegt ist, uns emotional gegen die Wand zu fahren.


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Camera says no: Über die neue digitale Prüderie.