Das Medium ist das Massaker: McLuhan hatte recht.

Marshall McLuhan, einst gefeierter Popstar der Medientheorie, dann lange als technologischer Wirrkopf belächelt und heute wieder aktueller denn je, verdankt einen seiner hellsichtigsten Momente einem Druckfehler. Sein Buch sollte „The Medium is the Message“ heißen. Der Setzer machte daraus „The Medium is the Massage“. McLuhan ließ es stehen. Es war vielleicht nicht sein größter Coup, aber sicher sein entlarvendster.

Während Roland Barthes mit dem feinen Skalpell des Chirurgen das einzelne Bild sezierte, um seine Mythen zu finden, zeichnete McLuhan die Architektur des gesamten Krankenhauses. Dass er so lange im Abseits stand, während die französischen Poststrukturalisten und Dekonstruktivisten die Universitäten beherrschten, ist eine Ironie der Geschichte. Die Akademie verzieh McLuhan seinen Popstar-Status nicht, seine Auftritte in Woody Allens Annie Hall, seine aphoristischen „Probes“, die eher wie Werbejingles klangen als wie Wissenschaft. Er galt als unseriös, als zu laut, zu amerikanisch im Vergleich zur textlastigen Theorie aus Paris. Doch heute wirkt der französische Diskurs oft wie Literaturkritik aus einer vergangenen Epoche, während sich McLuhan liest wie der Quellcode unserer Gegenwart.

Denn Medien transportieren nicht nur Nachrichten. Sie „massieren“ uns. Sie bearbeiten unser Sensorium, kneten unsere Wahrnehmung durch, bis wir uns den Bedingungen der Maschine anpassen. Das Fernsehen hat uns nicht nur Bilder ins Wohnzimmer gebracht, es hat die Distanz zur Welt abgeschafft und das Ereignis zur Ware gemacht. Das Auto hat nicht nur die Reisezeit verkürzt; es hat die Stadt zerschnitten und unsere Füße zu Gaspedal-Bedienern degradiert. Jede Erweiterung („Extension“) ist zugleich eine Amputation.

Doch wir dürfen es uns nicht zu einfach machen. Laut Paul Virilio, dem alten Bunkerforscher, gilt: Wer das Auto erfindet, erfindet zugleich den Autounfall. Wer die Elektrizität erfindet, erfindet den Stromausfall. Die Technik ist nie nur Verlust, sie ist immer auch eine neue Form der Katastrophe – und der Möglichkeit.

Wenn wir KI durch diese Brille betrachten, wird es ungemütlich. Was ist die „Message“ der KI? Es ist nicht das generierte Bild. Es ist nicht der Text, den ChatGPT ausspuckt. Das ist nur das Futter, das uns ablenkt. Die eigentliche Botschaft der generativen KI ist die Abschaffung des Prozesses.

McLuhan sagte: „Wir formen unsere Werkzeuge, und danach formen unsere Werkzeuge uns.“ Die KI ist die ultimative Erweiterung unseres Zentralnervensystems. Aber wenn das Rad eine Erweiterung des Fußes war (und das Gehen amputierte), und die Kleidung eine Erweiterung der Haut (und unsere Thermoregulation amputierte) – was amputiert dann die KI?

Sie amputiert den Weg zwischen Impuls und Ergebnis. Das Medium KI massiert uns in einen Zustand der rasenden Ungeduld. Die Reibung, der Widerstand, das Scheitern – all das, was früher zwischen der Idee und dem Werk stand – wird scheinbar auf null reduziert. Wir werden von Handelnden zu Bestellenden.

Doch das ist nicht nur bequem. Es ist eine neue Härte. Denn wenn die handwerkliche Barriere fällt, gibt es keine Ausreden mehr. Wenn früher ein Foto misslang, war das Licht schlecht oder - wie bei Capa - die Chemie falsch. Wenn heute ein Prompt misslingt, liegt der Fehler allein im Kopf des Schöpfers. Alles entspringt nun direkt dem Geist. Das macht das Bild nicht einfacher, sondern schwieriger. Die Freiheit wird zur Qual der Präzision, die das wabernde Rauschen der KI zum Ergebnis formt.

In McLuhans „Globalem Dorf“ waren wir alle vernetzt, aber wir waren noch Individuen, die Informationen austauschten. Im Zeitalter der synthetischen Medien leben wir möglicherweise in einer „Globalen Halluzination“. Das Medium ist nicht mehr das Fenster zur Welt. Das Medium legt sich über die Welt.

Wenn die KI uns massiert, dann ist es keine sanfte Entspannung. Es ist eine Tiefengewebsmassage, die den Muskel der eigenen Kreativität bearbeitet. Wir fühlen uns mächtig, weil wir per Prompt Welten erschaffen können. Aber McLuhan würde vermutlich süffisant lächeln und fragen: Seid ihr Schöpfer? Oder seid ihr nur die Servomechanismen eurer eigenen Gadgets, die füttern müssen, damit die Maschine läuft?

Die neue Botschaft lautet nicht mehr „Was steht in der Zeitung?“. Sie lautet: „Ist überhaupt noch etwas davon wahr?“ Und die Antwort des Mediums ist ein Achselzucken – verbunden mit der noch viel unheimlicheren Frage: Spielt es überhaupt noch eine Rolle, wenn man den Unterschied ohnehin nicht mehr erkennen kann?


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Die Resilienz des permanenten Zweifels