Medienkritik & Gesellschaft
Die digitale Gouvernante. Warum KI prüder ist als eine viktorianische Anstandsdame und was es für unsere Kultur bedeutet, wenn Algorithmen entscheiden, was "sicher" ist. Ein bisschen Woke-Kritik, ein bisschen Soziologie, viel Kopfschütteln. Ich fürchte, wir sind alle ein bisschen bekloppt. Oder: Synthetische Bildwelten, Fotografie & Geschichte, und Theorie & Diskurs.
Ende Juli kursierte ein Foto, das viele für KI hielten. Es war keines. Sobald eine Lage zu gut sitzt, sagen wir: das muss gerechnet sein. Und wenn nicht – If you can't tell the difference, does it matter?
Software sieht keine Geschichte, sondern Wahrscheinlichkeiten. Wenn Systeme Bilder bewerten, suchen sie nach „technischer Hygiene“ und statistischer Gefälligkeit. Ein Essay darüber, warum der „Aesthetics Score“ der Tod des Punctums ist und warum wir unsere Wahrnehmung niemals dem Geschmack der Statistik opfern dürfen.
Wir sind visuell näher am Krieg als jeder Soldat 1863, doch das Grauen bleibt unsichtbar. Warum Kamikaze-Drohnen uns den sauberen „Gaming-Kick“ liefern, während Algorithmen das echte Sterben aus kommerziellem Kalkül herausfiltern.
Man sagt, Männer wollten stets nur das eine. Ein schnell gesetzter Vorwurf, der sich moralisch gut verwerten lässt – und evolutionsbiologisch vermutlich nicht völlig aus der Luft gegriffen ist. Fortpflanzung folgt keiner Feuilletonlogik. Doch was, wenn wir einander nicht mehr brauchen?
Das Wissen stirbt leise. Anhand des Scheiterns von Polaroid und dem aktuellen "Cargo-Kult" des KI-Promptings analysieren wir die schleichende Entwertung handwerklicher Expertise. Physikalische Begriffe wie "85mm" verkommen in der synthetischen Fotografie zu reinen "Vibe-Indikatoren" ohne technische Bedeutung. Doch die Disruption macht nicht beim Handwerk halt: Nach dem Fotografen steht nun auch der Art Director vor der Obsoleszenz – stellvertretend für jeden anderen nur denkbaren Beruf.
Warum trägt der Bandit aus dem 19. Jahrhundert plötzlich FFP2? Weil die KI kontextblind ist – und mit Milliarden Bildern unserer jüngsten Panik gefüttert wurde. Während wir versuchen, die Masken-Fotos aus unseren Portfolios zu löschen, hat die Maschine sie als Standard für "Menschsein" gelernt.
Humanoide Roboter bewegen sich mit Eleganz, die unsere Vorstellungskraft herausfordert. Von Golem über Čapek bis zu den tanzenden Maschinen unserer Zeit – dieser Text untersucht, wie Bilder und Medien unser Bild vom Möglichen prägen.
Liegt die Gefahr der KI wirklich in der Täuschung – in Deepfakes und Desinformation? Oder lenkt das nur ab? Die wahre Bedrohung ist nicht das Chaos, sondern die Ordnung: Eine eingehegte KI ist eine schizophrene KI.
Amelia ist mehr als eine entgleiste Kunstfigur. Sie markiert den Moment, in dem offene Gesellschaften beginnen, sich selbst zu misstrauen. Ein Blick auf Orwell, Großbritannien und den langsamen Verschleiß politischer Selbstgewissheit.
Amelia - ein lilahaariges Goth-Mädchen, ein staatlich finanziertes Lernspiel und eine Öffentlichkeit, die beschließt, beides nicht ernst zu nehmen. Was wie ein Randphänomen digitaler Jugendkultur wirkt, ist in Wahrheit ein Lehrstück über Macht, Peinlichkeit und den Kontrollverlust moderner Staaten.
Der moderne Staat scheitert nicht an Extremisten.
Er scheitert an Ironie.
Die Kolonne der Angst. Bergamo, März 2020. Ein Militärkonvoi rollt durch die Nacht. Doch was haben wir wirklich gesehen? Und was haben wir hineinprojiziert? Gerade in Krisenzeiten entwickeln Bilder eine Eigendynamik, die eine rationale Einordnung unmöglich macht – vielleicht sogar unmöglich machen soll. Es ist der Moment, in dem sich reale Bedrohung mit historischem und medialem Trauma überlagert.
Wenn eine KI eine nackte Person generiert, hat sich niemand ausgezogen. Es gibt kein Opfer, keine Ausbeutung. Warum reagieren wir trotzdem mit Zensur und moralischer Panik? Ein Blick auf die "Sünde der Simulation".
1857 montierte Oscar Rejlander 32 Negative zu einem Skandalbild. Die Kritik? Nicht die Montage, sondern die nackte Haut. Fast 170 Jahre später macht die KI genau dasselbe – und unsere Reaktion ist identisch: Zensur und Angst vor dem "zu echten" Fleisch: Königin Victoria käme aus dem Lachen nicht mehr heraus.
Vom Hexensabbat zum KI-Golem. 1628 gestand Johannes Junius unter Folter den Ritt auf einem schwarzen Tier – nicht weil es wahr war, sondern weil es das virale Bild seiner Zeit war. Heute ersetzt der „Terminator“ den Teufel. Wir fürchten uns vor der KI als allmächtigem Golem, während die wahre Gefahr viel profaner ist.
Der Erziehungsautomat. Aus dem wilden Kind Grok und der Gouvernante Google sind gleichermaßen Erziehungsautomaten geworden. Wenn der Algorithmus entscheidet, dass ein Bild gegen die „Safety Guidelines“ verstößt, erleben wir keine Sicherheit, sondern eine Infantilisierung des Sehens. Die Kamera hat jetzt eine moralische Auslösesperre – und wir sind die Kinder im digitalen Laufstall.
Digitale Lobotomie. Wo Helmut Newton und Terry Richardson die Provokation suchten, liefert die KI sterilen Hochglanz. Der Versuch, die Ästhetik der großen Erotomanen zu simulieren, endet in einer Dystopie der aggressiven Harmlosigkeit. Warum „Safety by Design“ das Ende der Ambivalenz bedeutet und warum wir den Schmutz im Bild brauchen, um uns als Menschen zu spüren.
Zwei Morde, zwei Bilderwelten: Der hilflose Moment in Charlotte, wo Iryna Zarutska ihr Leben verliert, und der digitale Spottsturm um Charlie Kirks blutigen Tod. Während das eine im Schweigen versinkt, feiert das andere in Memes und Reels als "verdiente" Rache. "Bilder, die man nicht sehen soll" – wo das Blut fließt, aber das Menschliche wie das Wahre erstarrt.
Eine Rückbesinnung auf das, was Menschen seit jeher antreibt: Jugend, Attraktivität, Anziehungskraft.
Von Genua bis in die Schützengräben des täglichen Kulturkampfes: Die Geschichte der Jeans – vom Arbeitsstoff der Matrosen zur Ikone von Rebellion und High Fashion.
American Eagle zeigt Sydney Sweeney – lachend, schraubend, Donuts drehend. Kein Symbolkitsch, kein Betroffenheits-Overkill.
Das Netz tobt, die Kasse klingelt.
Vielleicht nicht das Ende von Woke – aber das Ende des Anfangs einer Werbewelt, die wieder funktionieren will.
Bigfoot springt aus dem Flugzeug – und sieht dabei erstaunlich gut aus. Was wie ein kurioses Internetvideo beginnt, entpuppt sich als Spiegel eines tiefgreifenden Wandels: Künstliche Intelligenz erzeugt längst in Stunden, was früher Wochen dauerte – und stellt unsere Vorstellung von Realität, Kreativität und Arbeit grundlegend infrage.
Die Diktatur trug Strickjacke, die Demokratie trägt Blut. Walter Ulbricht inszenierte sich beim Frühstück, um den Terror bürgerlich zu machen. Heute simuliert Annalena Baerbock Weltgeschichte auf Influencer-Niveau. Doch erst das archaische Blut auf Donald Trumps Wange durchbricht dieses Simulacrum der Belanglosigkeit.
Die neuen Jakobiner wären beinahe erfolgreich gewesen, Eisenstaedts Fotografie vom Times Square 1945 in die Unsichtbarkeit zu verbannen. Doch mit jedem ihrer Versuche verschieben sich die Grenzen zuungunsten der Freiheit.
Letzte Woche glaubte ich noch, dass wir in Zukunft die Träume von Computern träumen würden. Seit dem Google Gemini-Desaster befürchte ich, dass diese Träume der Zwangseinweisung in einer virtuellen Besserungsanstalt entsprechen werden.
Eine Reflexion über die Wiederholung von Gewalt- und Bildmustern in der Geschichte, bei der Parallelen zwischen dem Pogrom in Lwiw (Lemberg) 1941 und aktuellen Ereignissen in Israel 2023 gezogen werden. Geschichte wiederholt sich nicht exakt, doch grausame Muster der Vergangenheit kehren dennoch wieder.
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Erich Maria Remarque. Seine Bücher im Nationalsozialismus verboten; seine Schwester von Freisler, einem fanatischen Nationalsozialisten in Richterrobe mit den Worten „Ihr Bruder ist uns entwischt, Sie werden uns nicht entwischen“ ermordet. Nach dem Krieg hatte er – wenig überraschend – kein Interesse an der Wiedererlangung der ihm entzogenen deutschen Staatsbürgerschaft, sein teilweise autobiografischer Roman „Im Westen nichts Neues“ wurde in seiner Wahlheimat USA verfilmt. Jetzt liegt eine unter deutscher Leitung entstandene Bearbeitung für Netflix vor.
Die freie und in vielerlei Hinsicht respektlose Presse ist – Überraschung - eine deutsche Erfindung. Genauer: eine Berliner Erfindung. Die Berliner Illustrirte Zeitung (BIZ) war das Instatok der Zwischenkriegszeit, sie entwickelte den Bildjournalismus wie auch die Montage zu einer Kunstform. Mit einer verkauften Auflage von regelmäßig über einer Million Exemplaren war die BIZ darüber hinaus das reichweitenstärkste Medium der jungen Republik trug somit maßgeblich zur Entwicklung aller Bildmedien der Zeit bei.
Die Fotografie ist ein besonders charmanter Lügner, dem man gern auch groteske Retuschen abkauft. In ihren Anfängen war die Fotografie da deutlich bescheidener - und robuster. Ein kleiner Ausflug in die Anfänge der Bildmanipulation.